Benedikt Erenz

Wen interessiert noch die Kritik einer Aufführung von Charleys Tante am Deutschen Theater in Göttingen vor 100 Jahren? Niemanden. Und doch beginnt man selbst das zu lesen, weil der Kritiker – Theodor Lessing heißt! Wo immer man dieses Buch aufschlägt mit Kritiken, Essays und anderen (journalistischen) Arbeiten des 25-jährigen Philosophiestudenten aus den Jahren 1906/07, fabelhaft ediert von Rainer Marwedel, spürt man schon den kraftvollen Geist, den Feuerkopf Lessing, einen der großen Selbstdenker des 20. Jahrhunderts. Hier kann man nicht nur viel erfahren über Kaisers Deutschland zwischen Muff und Moderne, sondern auch lernen, wie der junge Lessing lernte und sich dabei bereits meisterlich übte. Für all unsre braven Journalistenschüler ein Muss!

Theodor Lessing: Nachtkritiken
Kleine Schriften 1906/1907; hrsg. v. Rainer Marwedel; Wallstein Verlag, Göttingen 2006; 620 S., Abb., 49,– €

Paul Schlesinger, der mit Sling zeichnete, und Moritz Goldstein, der sich Inquit nannte, sind die beiden legendären Gerichtsreporter der Vossischen Zeitung während der Weimarer Zeit. Schlesinger starb 1928. Goldstein, der auch Essayist und Bühnenautor war, musste 1933 Deutschlands Untergang miterleben. Er ging ins Exil, für immer; 1977 starb er, 97-jährig, in New York. Diese Auswahl aus seinen Gerichtsreportagen war überfällig. Sie zeigt nicht nur den brillanten Menschenbeobachter, sondern auch den politischen Zeitgenossen, der die Rechtsreformen der Weimarer Jahre mit Engagement begleitet hat. Für all unsre eifrigen Jurastudenten Pflichtlektüre!

Moritz Goldstein: "George Grosz freigesprochen"
Gerichtsreportagen aus der Weimarer Republik; hrsg. v. Manfred Voigts, Till Schicketanz, Martina Flohr; Philo Verlag, Hamburg 2006; 236 S., 24,– €