Es ist mir einmal angekreidet worden, dass ich vom Trash, vom kulturellen Mist, fasziniert sei. Meine diesbezügliche Ironie nehme man mir nicht ab, diene sie doch nur dazu, die verächtliche Faszination zu verschleiern. Ich wandte dagegen ein, dass ich mit Ironie gar nichts verschleiere, weil Ironie eben eine geeignete Methode sei, die Ambivalenz einem Gegenstand gegenüber vorzuführen. Damals ging es um Roberto Blanco, den Sänger, der routiniert über beide Ohren und scheinbar darüber hinaus lachen kann. Er führte in aller Öffentlichkeit einen Ehestreit, und durch die ganze dem Publikum zugewandte Gemütlichkeit trat eine Härte hervor, der brutale Wille, keinem Schwächeren gegenüber jemals nachzugeben. Mein aufgebrachter Kritiker ermahnte mich, solche Leute und ihre Zores seien nicht der Rede wert.

Tatsächlich fasziniert mich der Kitsch. Als beim Wiener Opernball nicht nur Roberto Blanco lachend die Stiegen zum Ballsaal erklomm, sondern auch der Operndirektor in einer führenden Rolle zu sehen war, packte mich diese Faszination von Neuem: Der Herr Direktor hatte eine grellrote Livree an, saß auf dem Kutschbock und dirigierte ein lebendiges Pferd durch den Saal. In der Kutsche war eine weltberühmte Sängerin untergebracht; sie sang, während ihr Direktor schauspielerische Gesten der Hingabe machte, stark emotionalisierte Noten aus einer französischen Oper. Ich war hingerissen – hier zeigte die Hochkultur, ich meine die hoch subventionierte, ihre Ästhetik im Zustand des Zerfalls. Der Zerfall geschieht gar nicht von selber, er wird mit Mühe, geradezu angestrengt durch ein "Kunstwollen" hergestellt. Das war ja immer schon das Kennzeichen von Kitsch, dass er "mit seinen scheinbar künstlerischen Elementen einen hohen Anspruch erhebt und Würde zu erlangen sucht".

Diese Definition stammt aus dem Reclam-Heft Kitsch (Texte und Theorien; herausgegeben von Ute Dettmar und Thomas Küpper; Philipp Reclam jun., Stuttgart 2007; 319 S., 9,– €). Es ist eine außerordentliche Sammlung von Texten zum Thema: Lichtenberg, Schiller, Karl Kraus, Benjamin, Adorno, Bloch, Sontag, Bourdieu, Flusser und viele andere sind die Autoren. Würde man von mir verlangen, ich solle nach der Lektüre endlich hinschreiben, was denn Kitsch sei, müsste ich passen. An dieser Sammlung ist das Erstaunliche, wie sehr die verschiedenen Texte mit ihren verschiedenen Positionen, auch mit den historischen, zusammen eine Dramaturgie ergeben, die sich für eine Theateraufführung empfiehlt. Das Stück wäre sehr intellektuell und zugleich überaus leidenschaftlich. Es gibt keine Definition von Kitsch, auf die man sich einigen könnte, aber die Konflikte und der Streit sind ihre Aufführung wert.

Ich will nur einen Argumentationsstrang herausnehmen, für den in der Sammlung die Philosophen Bolz und Liessmann stehen. Das Heft endet mit Liessmanns Diktum, dass viele den Kitsch für sich entdeckt haben, auch um sich dem rigorosen Geschmacksdiktat der Avantgarden zu entziehen: "In der Nobilitierung des Kitsches, in der Adorierung des Gartenzwerges, in der Anbetung der Glühlampen-Madonna gelang, um mit Hermann Broch zu sprechen, dem Kitsch-Menschen der Triumph über den Asketen der Kunst. Das radikal Böse hat gesiegt – und siehe: alles ist gut."

An diesem Triumph, so das Resultat meiner peinlichen Selbstprüfung, habe ich leider keinen Anteil. Vor aller Verurteilung des Phänomens glaube ich nur, dass Kitsch – siehe den kostümierten Direktor und sein Pferd – eine Antwort darauf gibt, was der Mensch in seinem Sein und in seinem Wünschen ist.

Franz Schuh