Wie kann Kurt Beck Kanzler werden? Auf diese Journalistenfrage erhält man in Berlin drei verschiedene Antworten. »Na, das wird aber ein kurzer Text!« lautet die galgenhumorige, die in der SPD verbreitet ist. »Gar nicht« die überhebliche, man hört sie am ehesten aus der CDU/CSU. »Aaalsooo, das«, kurze Pause am anderen Ende der Telefonleitung, »ist so gar nicht unser Thema.« So lautet die Auskunft im Büro des SPD-Vorsitzenden Kurt Beck. Das ist die dritte Antwort, die offizielle und unfreiwillig ehrliche. Nicht dass Beck nicht täglich übers Kanzlerwerden nachdenken würde, nur zugeben darf er das nicht. Denn viel eingefallen ist den Strategen der SPD zur unvermeidlichen K-Frage bisher nicht. Also hat man sich aufs Hoffen verlegt, zwei Jahre sind schließlich eine lange Zeit. BILD

Wirklich? Schon pocht unter der Decke der Großen Koalition der Wahlkampf. Die Bundesregierung hat ihre Hauptvorhaben mal mehr (Unternehmensteuerreform, Elterngeld), mal weniger gut (Gesundheitsreform) abgearbeitet. Nach der Harmonie der Anfangszeit, so die Einschätzung in Union wie SPD, werden die Abstoßungskräfte zwischen den Volksparteien von nun an größer – zumal im kommenden Jahr wichtige Landtagswahlen anstehen. Gerüchte über einen Wechsel Kurt Becks ins Kabinett werden von der SPD-Spitze zwar eifrig dementiert, doch dass es solche Überlegungen gibt, zeigt nur, wie verbreitet die Befürchtung ist, dass es für die SPD bei den nächsten Bundestagswahlen sehr, sehr schwer werden dürfte. Es sei denn, etwas Außerordentliches passierte. Aber was?

Ein Krieg hat schon einmal geholfen, diesmal könnte es vielleicht einen im Iran geben. Sehr wahrscheinlich ist das aber nicht. Und wenn er käme, dann würde die Kanzlerin vorsichtig genug sein, nicht einen Millimeter näher an eine Zustimmung heranzurücken als Becks SPD. Nein, auszugehen ist weder von einem Wunder noch von einer Katastrophe, sondern von der Normalität. Die nimmt sich aus Sicht des Kanzlerkandidaten erschreckend genug aus: Die Volks- und Regierungsparteien werden einander stets so viel schaden, dass sie nicht in die Nähe der vierzig Prozent kommen – und die Union wird dabei immer ein wenig besser aussehen.

Zum einen macht die Kanzlerin schon deshalb eine vorteilhaftere Figur, weil sie jeden Tag als Vertreterin aller Deutschen auftreten kann, während Kurt Beck bloß als Vertreter aller Sozialdemokraten durch die Lande zieht. Zum anderen erscheint die Union wieder mal als die natürlichere Regierungspartei. Denn wo immer ein Christdemokrat oder ein Christsozialer auftaucht, handelt es sich um einen Regierer, um Ministerpräsidenten, Bürgermeister, Kanzleramtsminister. Schwarz sein und dran sein ist quasi identisch.

Aber – sagen uns die Gebildeten unter den Freunden der SPD – so war es doch schon einmal, und kurz danach begann eine 13 Jahre währende Dominanz der Sozialdemokratie. Auch Willy Brandt war 1968/69 keineswegs der beliebteste deutsche Politiker. Er war zwar Außenminister, doch in den Beliebtheitsumfragen hinkte Brandt hinter dem damaligen Kanzler Kurt Georg Kiesinger her. »Wir haben die richtigen Männer!«, mit diesem Wahlkampfslogan versuchte die SPD, aus der Not eine Tugend zu machen und ein Team um ihren zauderhaften Willy herumzubauen. Das funktionierte – aber nur, weil der Slogan stimmte. Die CDU war inhaltlich und personell erschöpft.

Was muss ein Kandidat im Jahr 2009 können, und welche Fähigkeiten bringt Beck mit? Bislang ist er vor allem als Beschwichtiger seiner Partei aufgetreten, als Beruhiger nach den Aufregungen um Reformpolitik und Agenda 2010, als Garant dafür, dass das Schlimmste vorbei sei und die »Grenze der Zumutungen« (Beck) erreicht. Beck ist ein Verkleinerer von Problemen und Themen, seine Stärke liegt im Konkreten, Bekannten, im Erklären dessen, was ist, nicht im Entwerfen dessen, was werden soll. »Erst grübeln, dann dübeln« lautet die »Beck-Doktrin«, universell anwendbar, von Arbeitnehmermitbestimmung bis zum Iran. Hilft sie auch im Wahlkampf?