Ich möchte eine neue Form der Unterdrückung anprangern. Seit einigen Jahren verfügen Telefone über die Fähigkeit, auf dem sogenannten Display die Nummer der anrufenden Person anzuzeigen. Falls diese Nummer einer Person gehört, die im internen Verzeichnis des jeweiligen Telefons zu finden ist, steht sogar der Name der anrufenden Person auf dem sogenannten Display. Mit anderen Worten: Wenn Oma anruft, ist auf dem Display "Oma" zu lesen. Ist es aber Hauptreferent Dr. Bärenstolz, so steht dort: "Bärenstolz". Diese kleine Erfindung halte ich für praktisch. In ein Gespräch mit der Großmutter geht man mit einer anderen Einstellung und sogar stimmlich anders hinein als in eine schwierige Verhandlung mit Dr. Bärenstolz über den Inhalt des nächsten Hauptreferates. Es gibt Gespräche, die man während der Sportschau oder sogar – sind wir nicht alle Menschen mit den gleichen Bedürfnissen? – auf der Toilette anzunehmen bereit ist, weil es einfache, unkomplizierte Gespräche sind, während andere Gespräche einer vorherigen inneren Sammlung und Konzentration bedürfen, wie sie während der Sportschau nicht herzustellen ist.

Zahlreiche Personen, die ich kenne, lassen aber ihre Rufnummern unterdrücken. Das kann man am Telefon einstellen. Auf dem sogenannten Display steht dann "Rufnummer unterdrückt". Man soll nicht wissen, wer es ist.

Bei besonders scharfzüngigen Journalisten, bei Steuerfahndern und ungebetenen Verkäufern kann ich das verstehen. Wenn auf dem, vielleicht könnte man auf Deutsch "Sichtfenster" sagen, wenn also auf dem Sichtfenster "Leyendecker" oder "Broder" steht, dann nimmt aus Angst vor Enthüllungen oder schlechtem Gewissen wegen der deutschen Geschichte sicher nicht jeder das Gespräch an.

Es sind aber relativ unauffällige Mitbürger, die ihre Rufnummer unterdrücken lassen. Daraus spricht, meiner Ansicht nach, ein unterentwickeltes Selbstbewusstsein, denn solche Personen signalisieren, durch die Unterdrückung ihrer Rufnummer, dass jeder oder fast jeder, der ihren Namen auf dem Sichtfenster oder dem Display zu sehen imstande wäre, das Gespräch nicht annähme, das heißt, ihnen sei es nur unter Verhüllung ihrer Identität möglich, selbst einen so banalen zwischenmenschlichen Kontakt wie ein Telefongespräch herzustellen. Gleichzeitig ist die Unterdrückung des eigenen Namens durch sich selbst ein Akt der Selbstverstümmelung, fast eine Kastration, also Ausdruck einer zutiefst gestörten Persönlichkeit. Deswegen tendiere ich dazu, Gespräche mit unterdrückten Rufnummern nicht mehr anzunehmen, da mein knapper Zeitetat, meine angegriffene Gesundheit, meine eigene Gestörtheit und mein schwaches Nervenkostüm Gespräche mit gestörten Persönlichkeiten als nicht ratsam erscheinen lassen. Im Übrigen ist dieser nur scheinbar moderne Vorgang eine Metapher für Unterdrückung ganz allgemein, denn auch Song-chu, Awo-Ongo Angoo und Josif Wissarjonowitsch Dschugaschwili haben ihre Namen unterdrücken lassen, bevor sie als Kim Il-Sung, Idi Amin und Josef Stalin ihre unerfreulichen Karrieren begannen.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "