Eine kleine Ewigkeit verfolge ich den schwarzen Punkt, wie er langsam am Horizont verschwindet. Man sieht weit in der Wüste, und es gibt sonst nicht viel, das sich bewegt. Nicht jetzt, in der prallen Hitze. Der Himmel flimmert blendend blau. Nur ein paar Schäfchenwolken gleiten als Schäfchenschatten über den Sand. Die Sonne steht hoch im Norden. Das ist ihr Platz am Mittagshimmel über der Namib-Wüste. Wenn sie hier die Uhr erfunden hätten, ginge sie andersherum.

Der schwarze Punkt war der Geländewagen, der mich hierher gebracht hat. Nun ist er weg, ich bin allein. Namib heißt "große Leere". Diesen treffenden Namen hat die Wüste von ihren früheren Bewohnern, den Nama. Ich schaue nach Osten: hügelhohe Dünen, die so glatt sind, als hätte jemand ein Laken darübergespannt. Im Westen: auch Dünen, die ein absurder Stacheldrahtzaun von noch mehr Dünen trennt. Irgendwann, denkt sich der Europäer, müsste doch mal der Strand kommen. Aber da könnte er lange laufen, drei Tage durch das Diamantensperrgebiet. Dann erst stünde er vor den Klippen der Skelettküste, und auch die heißt nicht umsonst so.

Den Nama wurde es irgendwann zu karg in dieser Wüste, die zu den ältesten und trockensten der Welt gehört. Auch die letzten weißen Farmer geben nach Jahren der Dürre allmählich auf. Nur die hartnäckigste Sorte Mensch fasst hier noch Fuß: Touristen. Das liegt vor allem an dem Mann, der mich eben hergefahren hat. Stephan Brückner ist Deutschnamibier in dritter Generation und Herr über eine Menge Sand, von dem ich auch bei bester Sicht nur einen winzigen Bruchteil sehe. An die 100000 Hektar Boden am Rand der Namib hat sein Vater über Jahrzehnte zusammengekauft, um sich seinen Traum zu erfüllen: ein privates Naturschutzgebiet.

"Die Leute haben ihn für verrückt erklärt", erzählte mir Brückner auf der Fahrt, in einem Tonfall, der klang wie: Ich auch. Er ist Anfang der Neunziger vom Studium in Berlin zurückgekehrt, um den Wüstenstreifen von der Größe des Saarlands rentabel zu machen. So entstand Wolwedans, eine eigenwillige Mischung aus Edel- und Ökotourismus. Das Konzept war mit dem Startkapital gut vereinbar: weglassen, was das Naturerlebnis verwässert. Klimaanlagen zum Beispiel, Designer-Schnickschnack oder Absperrungen gegen die Tiere. Die Gäste wohnen in rustikalen Blockhäusern und Zelten, die weit im Gelände verteilt sind, mindestens zwanzig Autominuten von der Rezeption und mehrere Stunden von der nächsten Siedlung entfernt. Nur sehr selten meint jemand, das sei ihm noch nicht ursprünglich genug. Den bringt Brückner dahin, wo ich jetzt bin, zum Chateau Namib.

"Chateau" ist keineswegs geschmeichelt. Es ist der blanke Hohn. Ich stehe vor einer winzigen Jagdhütte auf einer Düne im Nirgendwo. Brückner hat die Bruchbude vom Vorbesitzer des Landes übernommen und nur das Notdürftigste daran getan. Trotzdem nennt er ausgerechnet sie "das heimliche Herz von Wolwedans". Er hat sogar einen Club gegründet, dem beitreten muss, wer hier unterkommen will, Mindestbeitrag 4000 Euro. Als Gegenleistung gibt es den Luxus der Einfachheit und der vollkommenen Ruhe.

Ich besichtige mein Schloss und finde einen gasbetriebenen Kühlschrank, ein Plumpsklo, eine Feuerstelle und eine Außendusche, die sich aus einem weiß und einem schwarz gestrichenen Kanister speist. Kalt- und Warmwasser. Theoretisch. Das Kämmerchen wird ausgefüllt durch einen schmutzverkrusteten Moskitonetz-Baldachin, von dem bei jedem Windhauch getrockneter Vogelmist bröselt. Darunter ein Bett, zum Glück nicht meins. Meins steht draußen in der Wüste.

Ich bin die elf Stunden aus Deutschland und dann noch einmal eineinhalb Stunden von Windhoek nach Wolwedans geflogen, weil auch ich ein paar Dinge weglassen will. Erstens das Dach über dem Kopf. Chateau Namib soll nur Schattenspender und Vorratslager sein. Zweitens die Landschaft, wenn man darunter etwas Bewegtes und Aufmerksamkeitheischendes versteht. Drittens das Licht. Wenn es Nacht wird, wird dies hier einer der finstersten und zugleich hellsten Orte der Welt sein. Ich werde unter dem berühmten südlichen Himmel liegen, der sich am schönsten dort zeigt, wo das Land für Bewölkung zu trocken, für Kunstlicht zu dünn besiedelt und für Industrie zu rückständig ist. Sterne sind ein Trost für die Armen.

Am liebsten hätte ich auch den Tag weggelassen. Ein Sommertag in der Wüste ist fast so leer und endlos wie die Wüste selbst. Man geht steifbeinig zum Kühlschrank und wieder zurück. Man döst auf einem Gartenstuhl und träumt abgehacktes, fiebriges Zeug. Und man liest, mehr als sonst in Wochen. Ich habe Himmel über der Wüste von Paul Bowles dabei, eigentlich nur wegen des Titels. Es erzählt vom anderen Ende Afrikas, der Sahara, dem nackten Sand, den unsereins von einer Wüste erwartet. Nicht dass es der Namib daran fehlte. Ihr Sand ist fein und vom Eisen rot, wie Paprikapulver edelsüß. Aber es wachsen auch einige zähe Pflanzen. Über den Dünen liegt ein Flaum aus fahlgelbem flusigem Gras. Gleich neben meinem Bett steht ein Kameldornbaum, der einige Hundert Jahre alt ist und mit einem Wurzelnetz dicht unter der Oberfläche jeden Tropfen Feuchtigkeit aufnimmt. Seine blattlosen Zweige tragen Blüten, über denen schwarz-weiße Schmetterlinge kreisen.

Ich rappele mich auf zu einem Spaziergang. Er dauert nicht lang. Man kann hier gehen, so viel man will, die Dinge kommen nicht näher. Kann es sein, dass der Sand wie ein Laufband unter meinen Füßen wegrutscht und ich mich gar nicht von der Stelle bewege? Sun exposure, Sonnenausgesetztheit – dieses Wort stand auf der Sonnencremeflasche. Was es bedeutet, verstehe ich erst jetzt, wo die Creme mir in Schweißbächen von der Stirn in die Augen rinnt. Dabei ist es für hiesige Verhältnisse noch mild, etwa 45 Grad im Schatten. Nur bieten Wüsten keinen Schatten. Ich bemerke die vielen Löcher im Boden. Wer hier überleben will, gräbt sich ein.

Der Regen beginnt plötzlich. Er hat lang auf sich warten lassen. Diesen Sommer sind erst ein paar Tropfen gefallen – stofnat , nasser Staub, wie die Namibier sagen. Aber nun bricht es los. Große Tropfen zerplatzen wie reife Früchte auf dem roten Sand, ohne einen Laut. Dafür rüttelt der Sturm, dem sich sonst nichts in den Weg stellt, mit aller Macht an den Blechtüren der Hütte, die bei jedem Donnerschlag zittern. Später erfahre ich, dass ein paar Kilometer von mir ein Blitz das Dünengras entzündet hat. Hundert Hektar sind abgebrannt, ehe sie es schafften, das Feuer einzudämmen. "Du hattest Glück, dass der Wind nicht in deine Richtung wehte." Typisch, hätten sie zu Hause gesagt: Verdursten reichte ihm wohl nicht. Er musste in der Wüste verbrennen.