Über den Konfuzianismus und seine fast gleichaltrige Schwesterreligion, den Taoismus, weiß ein durchschnittlicher Mitteleuropäer fast nichts, das heißt, noch weniger als zum Beispiel über den Islam oder den Buddhismus. Wenn man aber beginnt, sich mit den Schriften, den Figuren und Riten des fernöstlichen Glaubens zu befassen, kommt einem diese Spielart der Religiosität erstaunlich schnell vertraut vor. Sofern man die richtige Schule besucht hat.

Die Hausaltäre, an denen die Ahnen geehrt werden. Die Opfer, die den Toten von den Lebenden dargebracht werden als Vorrat für ihren Weg ins Jenseits. Die Vielzahl der – oft archaischen, inoffiziellen – Götter, die im Volksglauben jeweils eine bestimmte Zuständigkeit besitzen. Die unsterblichen "Halbgötter" im taoistischen Volksglauben, die zum Teil auf historische Gestalten zurückgehen.

Das alles erinnert schon auffällig an die Götterwelt und Religionspraxis der Antike, also an das humanistische Gymnasium. Beide Glaubenswege, der antike und der fernöstliche, sind Wegbegleiter von Hochkulturen und frühen Großreichen. Beide verlangen sie von ihren Gläubigen ein eher überschaubares Maß an Hingabe und Leidenschaft, dem Staat kommen sie nicht so leicht in die Quere wie die fordernden, strengen, machtbewussten Götter des Monotheismus, diese eitlen Einzelkinder.

Aber man weiß ja, wie groß im Römischen Reich um die Zeitenwende herum die Sehnsucht nach einem Gott wurde, der so war, wie die Menschen sich selber gern sahen, einzigartig, Herr über alles, dabei aber unbestechlich und prinzipienfest, ein idealer König. Der Monotheismus erklärt den Menschen zur Krone der Schöpfung, und das ist, auch aus unreligiöser Sicht, eine sachlich richtige Beschreibung der Machtverhältnisse auf diesem Planeten. Der Monotheismus verspricht kein vages Jenseits wie die Lehre des Konfuzius, sondern, bei Wohlverhalten, das Paradies (mal mehr, mal weniger konkret beschrieben). Mit der Erfindung des Paradieses und der Hölle und mit der Ersetzung einer vielköpfigen Geister- und Götterwelt durch einen einzigen Chef kehrt das Leistungsprinzip in die Religion ein, also die Voraussetzung für beschleunigten Fortschritt. Es ist folglich kein Zufall, dass der Konfuzianismus über seine kulturelle Heimat hinaus keine mit dem Islam oder dem Buddhismus vergleichbare Anziehungskraft entwickelt, er ist in seiner Unübersichtlichkeit, seinen bescheidenen Versprechungen und bescheidenen Ansprüchen an die Welt in einer globalen Marktwirtschaft einfach altmodisch. Auch Religionen können altmodisch sein.

In Deutschland hat für die Popularisierung von Konfuzius am meisten der Fernsehstar Harald Schmidt getan. In der Harald Schmidt Show traten jahrelang zwei chinesische Kellner auf, die unter der Überschrift Konfuzius sagt zum Vergnügen des Publikums wohlklingende Allerweltsweisheiten deklamierten. Was Konfuzius sagte, war nicht falsch, im Gegenteil. Konfuzius besaß (bei Harald Schmidt) meistens den sogenannten gesunden Menschenverstand. Dass ein Weiser und Religionsstifter nichts anderes zu bieten hat als praktische Lebenstipps, fanden die Leute lustig. Die Ansprüche an Religion sind eben gestiegen seit den Lebzeiten des Konfuzius. Weisheit allein genügt nicht mehr, denn weise sind ja auch Ulrich Wickert und Herbert Grönemeyer.

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