Wer es nicht wüsste, würde kaum erraten, aus welcher Zeit diese Sätze stammen: "Liebe Freunde… Von Europa aus rollt weiter dieses imperiale Bündnis, das sich ermächtigt, jedes Land der Erde, das sich seiner Zurichtung für die aktuelle Neuverteilung der Profite widersetzt, aus dem Himmel herab zu züchtigen und seine ganze gesellschaftliche Daseinsform in einen Trümmerhaufen zu verwandeln." Der Urheber dieser "Grußbotschaft" ist kein "Autonomer", der sich in der Dunkelkammer seines Antifaschismus verlaufen hat. Der Urheber ist Christian Klar, jener ehemalige RAF-Terrorist, über dessen Begnadigungsgesuch Bundespräsident Köhler demnächst entscheiden wird. Fallen Klars Sätze unter die Meinungsfreiheit? Oder hat er nun alle Gnade verwirkt?

Je näher man die "Grußbotschaft" an die Rosa-Luxemburg-Konferenz betrachtet, desto metallischer schaut sie zurück. Christian Klar ist der Hexenmeister des Genetivs; er schraubt am liebsten Substantive hintereinander und anonymisiert die Sinnbezüge so lange, bis er als Autor darin verschwindet. Er lobt die "Würdigung der Inspiration, die von verschiedenen Ländern Lateinamerikas ausgeht". Er sieht mit Genugtuung, dass nach "Jahrzehnten sozial vernichtender Rezepte der internationalen Besitzerklasse" die Massen zur Macht greifen. Über diese kalten Satzmonster ist der große Staatsmann Guido Westerwelle hellauf empört, doch ein Skandal sind sie nicht. Nicht einmal die katholischen Bischöfe Brasiliens, die darüber klagen, ihr Land sei zum "Investorenparadies" heruntergewirtschaftet worden, würden in der Sache widersprechen: Eine Global Class hat Südamerika ausgeplündert – und nun fordert die Bevölkerung endlich ihren gerechten Anteil und wählt links.

Fatal an Klars "Grußbotschaft" aber ist dieser Satz: "Die spezielle Sache dürfte sein", auch in Europa "die Niederlage der Pläne des Kapitals zu vollenden und die Tür für eine andere Zukunft aufzumachen". In der vermummten Grammatik steckt eine unverhüllte Logik: Wer "vernichtende Rezepte" anwendet, ja selbst wer dem Kapital "propagandistisch" vorarbeitet, ist vor der Geschichte schuldig geworden – und muss offenbar kaltgestellt werden. Nimmt man diese Phrasen "beim Wort", dann liegt auf ihnen der Schlagschatten der RAF. Denn auch in deren Logik hatten sich die Beihelfer des "Schweinesystems" immer schon selbst gerichtet: Weil sie Täter waren, waren sie legitime Opfer. So verstand sich die RAF als Vollstrecker eines Schuldspruchs, den ihre Zielobjekte über sich selbst verhängt hatten.

Niemand sollte einen Mörder, der auf Begnadigung hofft, dazu zwingen, Reue zu zeigen, denn diese könnte vorgetäuscht sein. Abwegig ist es auch, von ihm Versöhnungsbereitschaft zu verlangen, denn die Einzigen, die sich mit ihm versöhnen könnten, sind seine Opfer, und die sind tot. Aber eine Begnadigung setzt Einsicht voraus, die eindeutige Absage an Gewalt. Dazu ist Christian Klar nach wie vor nicht bereit.

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