Die Ohnmacht der Bilder – Seite 1

Die Geschichte ist eine Geschichte der Geschichtsbilder. Früher wurden sie von Historikern gemacht, von Historienmalern, von Dichtern. Heute werden sie vom Fernsehen produziert. Aber damals wie heute sagt die Art der Darstellung oft mehr über die Gegenwart als über die Vergangenheit. Wer aktuelle Selbstbilder der Deutschen sucht, ideale Verkörperungen eines imaginären Nationalcharakters, findet sie neuerdings in Fernsehfilmen über das Ende des "Dritten Reichs". Produktionen wie Dresden oder Die Kinder der Flucht ermöglichen uns die Identifikation mit dem am wenigsten zur Identifikation geeigneten Teil unserer Geschichte, indem sie deutsche Opfer des Zweiten Weltkriegs zu Sympathieträgern aufbauen. Jetzt präsentiert der Regisseur Kai Wessel in seinem zweiteiligen ARD-Spielfilm zum Thema Vertreibung, Die Flucht, eine Lichtgestalt moralisch integren Preußentums: Lena Gräfin von Mahlenberg eignet sich wie keine Fernsehheldin zuvor, jene Sehnsucht nach kollektiver Selbstaussöhnung zu befriedigen, die seit Martin Walsers Paulskirchen-Rede immer lauter beschworen wird.

Eine schöne, tapfere Aristokratin als Ikone unserer nationalen Leidensgeschichte: So kniet die ostpreußische Gräfin auf dem brüchigen Eis des Oderhaffs, kalt umflort vom Jahrhundertwinter 1945, und ruft verzweifelt den Namen eines französischen Zwangsarbeiters, den sie ertrunken glaubt. Ihr Gesicht ist vom Schock blass und vom Frost leicht gerötet. Einen Moment zuvor haben Fliegerbomben den von ihr geführten Flüchtlingstreck auseinander gesprengt, mörderische Löcher klaffen auf dem letzten Fluchtweg nach Westen, und in einem davon ist der Pferdewagen mit Lenas heimlich geliebtem Franzosen versunken. Der wird zwar wieder auftauchen. Aber ins Gedächtnis des Zuschauers brennt sich nicht die Rettung des Mannes, sondern die Pose der Schmerzensfrau. Wie Maria Furtwängler als Gräfin plötzlich die Contenance verliert und kniefällig ihre Liebe zum Feind eingesteht! Das ist Völkerverständigung nach den Regeln des Fernsehmelodrams. Inzwischen hat die Schauspielerin in der Bild am Sonntag gefordert, Präsident Putin möge sich für die Verbrechen russischer Soldaten bei den vergewaltigten deutschen Frauen entschuldigen.

Hat die Geschichtswissenschaft ihre Deutungshoheit also schon an das Fernsehen und seine Stars verloren? Private wie öffentlich-rechtliche Sender investieren immer gewaltigere Beträge in die quotenträchtige Aufbereitung von Zeitgeschichte, und mit TV-Blockbustern wie der Luftbrücke oder Speer und er setzt sich die Meinung durch, nur so könne man ein breites Publikum für Geschichte interessieren. Deshalb fragen Historiker wie Fabio Crivellari bang nach den Folgen der fernsehtypischen Popularisierung für ihr Fach.

Die Furcht, "visuelle Rituale" könnten die intellektuelle Kontroverse irgendwann ganz ersetzen, lässt sich anhand der Flucht leicht nachvollziehen. Mit seiner schematischen, auf wenige positive Leitfiguren fixierten Dramaturgie zeigt der Film das Hauptproblem des Einfühlungsfernsehens: dass das emotionsgeladene Bild die eigentlichen Konflikte überlagert. Wenn deutsche und französische Zivilisten gemeinsam vom Krieg überrollt werden, wenn Mütter ihre Kinder panisch an sich pressen, verlieren historische Kategorien ihren Sinn, die Frage nach politischen Ursachen erscheint zynisch. Hier bewahrheitet sich Crivellaris These, durch ritualisierte Darstellung würden Filmsequenzen zu Ikonen, differenzierende Kommentare hingegen versendeten sich.

Mit den neuesten Geschichtsmelodramen etabliert sich ein pseudoaufklärerischer Diskurstypus, der Bedeutsamkeit nur vortäuscht. Das ist besonders fatal, wenn ein gutes Drehbuch inhaltliche Differenzierung anstrebt, diese aber unwirksam bleibt. So versucht die Autorin der Flucht, Gabriela Sperl, einen Revanchismusverdacht zu entkräften, den zahlreiche andere, einseitigere Vertreibungs- und Bombenkriegsfilme der vergangenen zweieinhalb Jahre nahegelegt haben. Sie nennt als wichtigste Ursache des millionenfachen deutschen Vertriebenenelends das von den Nazis verhängte Evakuierungsverbot: Flucht wurde erst erlaubt, als es zu spät war. Vor allem vermeidet Sperl den selbstgerechten Gestus vieler Dokumentarfilmautoren, die sich momentan als Anwälte mundtot gemachter Opfer aufspielen – auch wenn deren Schweigen, gerade über die massenhaften Vergewaltigungen durch die Rote Armee, meist weniger auf politisch-ideologischen Verdikten als auf Scham beruhte und auf dem verzweifelten Wunsch, zu vergessen.

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Diese Scham, das erstickende Gefühl tiefster Demütigung, wird im Film auf berührende Weise dargestellt. Aber erleiden muss es natürlich nicht die Hauptfigur. Da bleibt der Film ganz der Logik des Affektfernsehens verhaftet: Die Gräfin ist nur als Heldin, nicht als Opfer und schon gar nicht als Täterin vorstellbar. Ihre auratische Erscheinung lässt Wessels Andeutungen über die Mitschuld des deutschen Adels am Nationalsozialismus verblassen und den bundesrepublikanischen Gründungsmythos von der Integrität alter deutscher Eliten aufleben. Es ist, als wäre der wissenschaftliche Nachweis nie geführt worden, dass der typische Adlige zwischen 1933 und 1945 eine Stütze des Regimes war – nachzulesen etwa in Stefan Malinowskis Buch Vom König zum Führer.

"Am trivialsten und gefährlichsten ist das Fernsehen, wenn es sich anspruchsvoll gibt und als Vermittler bedeutsamer kultureller Botschaften auftritt", hat der amerikanische Medientheoretiker Neil Postman behauptet. Die größte Gefahr der konventionellen deutschen Geschichtsspielfilme liegt darin, dass sie den Stand der zeitgeschichtlichen Forschung nicht abzubilden wissen. So erzeugen sie nachgetragene Scheindebatten, setzen Standards für eine naive Geschichtsdidaktik, deren Gebote lauten: Du sollst nichts voraussetzen, nicht irritieren, nichts erörtern. Das Ergebnis ist für den Zuschauer besonders dann schwer erträglich, wenn er eines der herausragenden Bücher zum Thema gelesen hat, etwa Wolfgang Benz’ Ausgrenzung, Vertreibung, Völkermord oder Nicholas Stargardts Maikäfer flieg. Hitlers Krieg und die Kinder.

Unser Problem als Rezipienten ist ja, dass wir in einer medienhistorischen Zwischenzeit leben: Das Fernsehen hat den Rang eines Leitmediums inne, aber unsere Erwartungen an einen seriösen Diskurs sind noch von der Schriftkultur geprägt. Im Vergleich mit deren Reflexionsmöglichkeiten scheinen Filme wie Die Flucht schmählich unterlegen, ihre Bilder sind ein Ausdruck intellektueller Ohnmacht. Denjenigen Verfechtern billigen Gefühlsfernsehens allerdings, die behaupten, man könne nun mal keine komplexen historischen Spielfilme produzieren, seien Kinofilme wie Das Leben der Anderen entgegengehalten. Und das Medium Fernsehen ist einfach zu jung, um sich schon jetzt auf einen Status quo zu berufen.

4. und 5. März jeweils 20.15 Uhr, ARD

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