Fast achtzig Prozent der amerikanischen Juden stimmen demokratisch und verstehen sich als liberal", sagt Jeremy Ben-Ami. " Aber sie haben keine adäquate Stimme in Washington." Ben-Ami, ein früherer Mitarbeiter von Präsident Bill Clinton, hat das Ziel, eine linke, liberale Lobby für amerikanische Juden zu gründen, die eine andere Israel-Politik in Washington durchsetzen will eine Friedenspolitik.

Einen Namen hat die neue Lobbygruppe noch nicht. Auch kein Budget. Wer sie unterstützt, ist noch geheim obwohl ein paar prominente Namen wie George Soros, Peter Lewis und Edgar Bronfman gefallen sind , und die Treffen sind klandestin. Eins aber ist klar: Die Idee spiegelt eine Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Juden wider, die immer mehr Schärfe annimmt. Vor Kurzem wandte sich das konservative American Jewish Committee gegen linke Juden, die die israelische Besatzungspolitik kritisieren, namentlich gegen den Historiker Tony Judt (vgl. ZEIT Nr. 45/2006), den Theater- und Drehbuchautor Tony Kushner (Angels in America), die Dichterin Adrienne Rich und den Kolumnisten der Washington Post, Richard Cohen. Ihnen wurde vorgeworfen, Antisemitismus zu fördern.

Schützenhilfe erhielten die US-Linken aus Großbritannien: Dort wollen liberale Juden die Gruppe Independent Jewish Voices gründen, der so bekannte Autoren wie Harold Pinter, Stephen Fry und Mike Leigh angehören. Sie seien "frustriert über den weitverbreiteten Irrtum, dass die Juden dieses Landes mit einer Stimme sprächen, eine Stimme, die die Politik der israelischen Regierung unterstütze", hieß es. Auch würden Israel-Kritiker angefeindet und mundtot gemacht. Ähnliche Bestrebungen gibt es auch in Australien.

Die Initiatoren der neuen US-Lobby haben sich nichts Geringeres vorgenommen, als AIPAC, dem American-Israel Public Affairs Committee, Konkurrenz zu machen. Nun sind Lobbys das Lebensblut Washingtons: Um die K Street Northwest sind unzählige Vereine und Interessengruppen jeder politischen Couleur registriert, deren Auftrag es ist, sich Gehör im Repräsentatenhaus und im Senat zu verschaffen, meist unter Einsatz von viel Geld. Sogar eine Fernsehserie K-Street, von George Clooney und Steven Soderbergh hat sich schon mal am Lobbyleben versucht, wenngleich eher erfolglos.

Unter all diesen Lobbys gilt AIPAC als die zweiteinflussreichste, nach der NRA (National Rifles Organization) und als die "wichtigste Organisation, die die Beziehung zwischen Amerika und Israel formt", so die New York Times. Wenn AIPAC einlädt, kommen alle: Dick Cheney, Condoleezza Rice, George W. Bush. AIPAC wurde in den fünfziger Jahren von Si Kenen gegründet. Heute hat es rund 100000 Mitglieder, einen Jahresetat von fast 50 Millionen Dollar und einen Stab von über 100 Angestellten. Man rühmt sich, jedes Jahr um die 100 proisraelische Gesetze auf den Weg zu bringen, das wichtigste davon die jährliche 2,5-Milliarden-Dollar-Finanzspritze für Israel.

AIPAC bezeichnet sich zwar als überparteilich, aber viele Mitglieder der jüdischen Community klagen, die Organisation stehe den Republikanern nahe zu nahe. " AIPAC ist viel zu konservativ für die meisten amerikanischen Juden, denn es unterstützt die israelischen Hardliner", sagt MJ Rosenberg vom linken Israel Policy Forum, der ebenfalls zu den Initiatoren der neuen Gruppe gehört. " Wir wollen, dass auch die Tauben in Washington Gehör finden." So habe sich Jitzhak Rabin beschwert, dass er während der Friedensverhandlungen in Oslo keine Unterstützung bei AIPAC gefunden habe, sagt Rosenberg. " Der beste Weg, Israel zu unterstützen, ist, Frieden zu unterstützen."

Die harte Linie, die AIPAC in der Nahostpolitik verfolgt, halten Rosenberg wie Ben-Ami für problematisch, sie sei weder im Interesse Israels noch der USA. " Wir treten für die Zwei-Staaten-Lösung ein, also auch für einen palästinensischen Staat", sagt Ben-Ami. Allerdings hat der Ruf von AIPAC in letzter Zeit ohnehin gelitten, unter anderem wegen eines Spionageprozesses gegen zwei ehemalige leitende Mitarbeiter. Schlagzeilen machte auch ein AIPAC-kritisches Papier der Wissenschaftler John Mearsheimer und Stephen Walt.