Da liegt er, rücklings auf hellem Sand, die Gliedmaßen weit von sich gestreckt, ölig glänzend: der mitteleuropäische Strandfleischberg. Seine Haselnussfarbe lässt darauf schließen, dass er die rötlichen Vorstufen erbarmungsloser Sonnenbräunung hinter sich, also mindestens schon eine Woche in dieser Position verbracht hat. Bikinioberteil und Bikiniunterteil verschwinden zwischen den Ausdehnungen schierer Körpermasse. Ab und zu bewegt sich ein Finger. Was auf den ersten Blick ein Foto zu sein scheint, erweist sich als verfremdete Video-Installation mit dem Titel chatting. Das Werk der beiden Künstler Shoja Azari und Shahram Karimi stammt aus dem Jahr 2006 und findet sich in einer Ausstellung des avanciertesten Kunstmuseums von Gran Canaria, dem Centro Atlántico de Arte Moderno.

Der Weg dorthin zum Caam, wie die Gran Canarier das Museum nennen führt durch eine der schönsten Achsen von Vegueta. So heißt die Altstadt von Las Palmas de Gran Canaria, Hauptstadt und Verwaltungssitz. Die Hälfte der 800000 Insulaner lebt in der nordöstlichen Küstenmetropole, Vegueta ist ihr kulturelles Kreislaufsystem. Im Café Madrid am Plaza Cairasco trifft sich das Bürgertum zum Mittagessen, ergraute Damen in Pelzkostümen, die häppchenweise die Fischmenüs durchprobieren, bis sie sich für eines entscheiden, und junge Aufsteiger, die sich mit Cola und aufgeregten Handygesprächen den Hunger vertreiben. Gegenüber, im Kulturzentrum Gabinete Literario, einem pompösen Jugendstilpalast, nimmt die Intelligenzija vor der Bibliothek einen Kaffee zu sich. Um die Ecke macht sich im Floridita, wo ab Mitternacht auf zwei Stockwerken und einer Palmenterrasse gefeiert wird, der Barmann mit zwei rauchenden Putzfrauen ans Aufräumen. Im Moment, erzählt er, seien Tango und Salsa, wie überall auf der Welt, die Clubrenner.

Zwei Straßen weiter aber ragt die Kathedrale von Las Palmas auf. In ihrem Rücken, links an der Chorapsis vorbei, betritt man die Calle de los Balcones. Schnurgerade zielt sie zum Meer, gesäumt von makellosen Gebäuden im klassizistisch-spanischen Baustil. Das Caam liegt in der Mitte der Gasse. In einem Palast, dessen gesamtes Inneres Ende der achtziger Jahre entkernt und in nüchterne Ausstellungssäle verwandelt wurde. Der Eintritt ist frei. Das Museum legt Wert auf Publikumsfreundlichkeit, offensichtlich auch auf Publikumsreaktionen.

Das Fleischbergvideo zieht die Museumsbesucher magnetisch an. Sie kichern, gehen weiter, kommen wieder, kichern noch lauter, zählen die Sekunden, bis sich der Finger des Bikinimonstrums in der Endlosschleife phlegmatisch hebt und senkt. Ein ganzer Ausstellungsraum widmet sich der Abschreckungskomik massentouristischer Genreszenen. Dieser Raum ist nicht das Erlesenste, was das Caam zu bieten hat. Aber das griffigste Sinnbild für die fast schizoide Situation Gran Canarias zwischen zwei Realitäten.

Zwischen einer künstlichen, ghettohaften Hotelburgenstadt an der Südküste, jener Bauhölle touristischer Schwerindustrie, die seit Jahrzehnten zwischen Playa del Inglés und Maspalomas so in die Höhe und die Breite wuchert, dass sich nach einer halbstündigen Irrfahrt durch Einkaufszentren, bewachte Hotelclubanlagen und Vergnügungsmeilen ein McDonalds als Orientierungspunkt anbietet, um überhaupt das Auto wiederzufinden. Und dem eigentlichen Gran Canaria. Einer Insel, die zwischen charakterstarker Landschaft (330 Kilometer Wanderwege durch Gebirge, Schluchten, tiefgrüne Ebenen) und vitaler avantgardistischer Kultur ihr ganz normales Leben lebt.

Das Verhältnis zwischen der einen und der anderen Realität ist einfach zu beschreiben: Sie nehmen kaum Notiz voneinander. Die Abertausenden Deutschen, Holländer, Engländer, die an der Südküste ihren Pauschalurlaub absolvieren, scheinen mit der Beschränkung auf diese Zone vollkommen zufrieden zu sein. Sonst wäre man nicht über Stunden hinweg im Café vor der Kathedrale von Arucas (einer Kleinstadt im Norden) zwischen jungen Müttern mit Babys auf dem Schoß, Pensionisten und transvestitischen Almodóvar-Figuren als Ausländerin allein. So allein, dass die netten Pensionisten immer wieder fragen, ob man sich verirrt habe. Die einzigen Einheimischen Gran Canarias wiederum, die auf die Idee kommen, das südliche Ghetto aufzusuchen, arbeiten dort.

Nur ist es so, dass die Realität des Massentourismus das allgemeine Image Gran Canarias beherrscht. Und zu einem tiefen Missverständnis beiträgt.

Die Ruhe im Tagoror, dem spektakulärsten Restaurant Gran Canarias, wird nur dadurch leicht gestört, dass Bartolomé und sein Enkel Fernando darum konkurrieren, wer am Tisch die Bestellung aufnimmt.