Manchmal dauert es lange, bis Träume wahr werden. Wie der Traum des jungen Jürgen Großmann. Der gebürtige Mülheimer wird bald an der Spitze des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns RWE stehen. Ganz oben im Turm in der Zentrale in Essen wird er im November sein Büro beziehen.

Nicht weit von dort, in Bochum, hatte die Karriere des heute 54-Jährigen begonnen. Großmanns Vater leitete das Rechnungswesen einer Stahlhütte und der Junior, fasziniert vom Stahl, organisierte Klassenreisen zum Hochofen und träumte davon, eines Tages "Vorstand eines Ruhrunternehmens" zu werden. Das wird er bald sein. Großmann, jubelte eine Zeitung, sei in die Heimat zurückgekehrt. Großmann, der neue "Ruhrbaron".

Irgendwie passt auf einmal alles. Dass das Ruhrgebiet im Jahr 2010 zur "Kulturhauptstadt" Deutschlands gekürt wird. Dass jetzt, da sich der Pott aufhübscht, ein Einheimischer den größten Arbeitgeber der Region lenkt. Einer, von dem man weiß, dass ihm außer Rendite auch Arbeitsplätze wichtig sind und die Stimmung der Belegschaft. Die Beschäftigten, Kunden und Kumpel im Pott hoffen, dass künftig nicht mehr "nur der Markt die Entscheidungen diktieren" wird.

RWE müsse wieder "seinen Versorgungsauftrag wahrnehmen", statt Industriekunden mit hohen Preisen abzuschrecken, fordert Werner Marnette, Chef der Norddeutschen Affinerie. Auf billigen Strom hoffen auch die Kommunen, und natürlich auf finanzielle Hilfe für die Kulturhauptstadt.

Im Konzern ist die Stimmung uneinheitlich. Die Stromhändler, erklärte Lieblinge des scheidenden Vorstandschefs Harry Roels, fremdeln mit dem Mittelständler Großmann, der statt schneller Geschäfte auf "nachhaltige Wertsteigerungen" setzt. Das wiederum freut die RWE-Kraftwerker, die jahrelang unter dem Spott der Handelskollegen ("Braunkohle ist am wertvollsten als Put-Option in der Erde") litten.

"Ungewöhnlich" nennt Gernot Schäfer, Vorsitzender des Energieausschusses des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) die Berufung Großmanns zum Vorstandsvorsitzenden. Due im Heimatmarkt "gut aufgestellte" RWE AG stehe vor einer "internationalen Neuausrichtung". Für solcherart Geschäfte in der europäischen Spitzenliga, vergleichbar dem Poker des deutschen Energieriesen E.on um den spanischen Versorger Endesa, habe der designierte Chef "offensichtlich noch keine Expertise".

Tatsächlich war der promovierte Ingenieur Großmann bisher der Stahlbranche und dem Standort Deutschland treu. Als viele Öfen vor dem Aus standen, zu Beginn der 1990er Jahre, kaufte der damalige Klöckner-Vorstand für zwei symbolische Mark die Georgsmarienhütte (GMH). Großmann sanierte das Unternehmen in den Aufschwung der Branche hinein. Heute ist er Milliardär. Einer, der sich nichts mehr beweisen muss im Leben.