DIE ZEIT: Herr Bueb, Herr Cohn-Bendit, was haben Sie beide seit 1968 in Sachen Erziehung hinzugelernt?

Daniel Cohn-Bendit: Wenn man selbst Vater wird, lernt man automatisch hinzu. Das eine ist die eigene Emanzipation in der Auseinandersetzung mit Autoritäten. Das andere ist, als Autoritätsperson die Emanzipation des eigenen Kinds mitzugestalten, zu erleben oder zu dulden.

Zusammengefasst habe ich seit 1968 gelernt, dass wir die Art und Weise, wie sich Autorität und Herrschaft vermitteln, unterschätzt haben. Im Gegensatz zu damals hinterfrage ich daher nicht mehr so sehr Autoritäten, sondern autoritäre Verhaltensformen. Ich versuche zu ergründen, wie Autoritäten sich legitimieren können, ohne auf ihren Status zu pochen.

Bernhard Bueb: Ich habe gelernt, dass Erziehen Führen heißt. Ich habe lernen müssen, dass ich Kindern, als Vater zweier Töchter wie auch als Lehrer und Schulleiter, nicht gerecht werde, wenn ich ihnen nicht genügend Orientierung gebe. Ich muss Kindern Vorbild sein, und das kann ich nur, wenn sie mich als Autorität anerkennen. Früher war ich ein romantischer Schüler Rousseaus. Heute hingegen habe ich ein christliches Menschenbild: Der Mensch ist eine "gefallene" Natur, er vereinigt in sich Gut und Böse, er braucht mehr als nur Begleitung, er braucht Führung, um zu lernen, das Gute in sich zu stärken und das Böse zu zügeln.

ZEIT: Wie wollen Sie das Wort Autorität verstanden wissen?

Cohn-Bendit: Ich würde grundsätzlich sagen, dass Autoritäten junge Menschen begleiten sollten. Und ich würde von mir selbst sagen, dass ich oft zu sehr Autorität bin im Umgang mit meinen Kindern oder mit anderen Menschen. Das ist nicht naturgegeben, sondern hat sich durch meinen Beruf so entwickelt. Dadurch, dass ich in gewissen gesellschaftlichen Kreisen anerkannt bin, begegnen mir Menschen oft von vornherein mit Respekt. Für sie bin ich eine Autorität.

ZEIT: Ein Wort zu Rousseau?

Cohn-Bendit: Diese Bemerkung über Rousseau von Herrn Bueb kann ich teilen. Das Menschenbild der Linken war sehr von Rousseaus Theorie geprägt: Der Mensch ist an und für sich gut, und die Gesellschaft ist böse, und es geht nur darum, die Gesellschaft gut zu machen, die Entfremdung zu beseitigen. Dann wird der gute Mensch automatisch zum Vorschein kommen. Dies aber ist falsch. Der Mensch ist gut und böse zugleich oder nacheinander in einem Leben. Erziehung muss bedeuten, die Potenziale zu fördern, die jeder Mensch zur Verfügung hat, damit der Einzelne für sich arbeiten, sich entwickeln kann. Führt man aber einen Menschen und formt ihn dabei gewissermaßen nach dem eigenen Ebenbild, dann kann er nicht jene Autonomie erlangen, die ein freies, aufgeklärtes Leben erst ermöglicht. Das ist für mich der Unterschied zu dem, was Herr Bueb sagt. Ich würde mir nicht anmaßen, führen zu können, auch wenn ich manchmal so tue, als ob.

Bueb: Ich führe ein Kind oder einen Jugendlichen in die Freiheit, ich führe ihn zu sich selbst.

Cohn-Bendit: Das geht nicht. Ein Kind findet die Freiheit. Sie können es nicht in die Freiheit führen. Das ist ein Widerspruch in sich. Die Freiheit kann man sich nur erkämpfen und erstreiten.

Bueb: Aber der Weg dahin führt über Unterordnung. Ein Kind braucht Unterordnung, um in die Freiheit zu finden. Die Spannung zwischen Zwang und Freiheit in der Erziehung auszuhalten und zu meistern, das ist die Kunst des Erziehers.

Cohn-Bendit: Das Kind braucht die Unterordnung nicht, es ist untergeordnet, weil es abhängig ist.

Bueb: ganz richtig

Cohn-Bendit: Die Hannah-Arendt-Preisträgerin Julia Kristeva hat dazu etwas gesagt, was mir aus dem Herzen spricht: Ein Kind hat das Recht zu revoltieren, und es braucht die Revolte, um seine eigene Identität zu entwickeln. Kinder und vor allem Jugendliche finden ihr Ich und ihre Freiheit durch die Revolte.

Bueb: In einem Punkt sind wir uns einig: Kinder und Jugendliche müssen revoltieren können gegen die Autorität der Eltern oder der Lehrer.

Revoltieren kann ich nur gegen eine Autorität. Jugendliche haben ein Recht auf die Autorität ihrer Eltern und Lehrer.