Nie zuvor hat der Klimawandel Parteien und Öffentlichkeit mehr beschäftigt als dieser Tage. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat seine Bekämpfung die "größte Herausforderung für die Menschheit" genannt - Politiker aller Couleur übertreffen sich in der Produktion von Ideen, deren Umsetzung das Übel eindämmen soll. Wie aber denkt das Volk? Was in den Köpfen und Herzen der Deutschen vorgeht, weiß niemand besser als Udo Kuckartz. Seit Jahren schon analysiert der Marburger Soziologe im Auftrag des Umweltbundesamtes regelmäßig, was die Bevölkerung in puncto Ökologie umtreibt. Die Konjunktur des Klimathemas hat ihn veranlasst, sein Datenmaterial neu zu sichten um Antwort auf die Frage geben zu können, wer hierzulande klimabewusst ist und wer nicht.

Die Auswertung nach Alter, Bildungsgrad, Gemeindegröße und Parteipräferenz liegt der ZEIT exklusiv vor. Das überraschende Ergebnis ist: Die Deutschen, die als besonders ökobesessen gelten, sind nicht übermäßig sensibel, wenn es um Klimawandel geht.

Vor allem ganz jungen Menschen und der Generation 70 plus fehlt das Bewusstein für die Gefahren des globalen Klimawandels. Von den 20- bis zu den 69-Jährigen ist dagegen ein langsamer, aber stetiger Anstieg zu verzeichnen. Als klimabewusst gelten in Kuckartz Untersuchung Personen, die unter anderem über das Problem der globalen Erwärmung Bescheid wissen, im eigenen Alltagsleben auf sparsamen Umgang mit Energie Wert legen und für einen konsequenten Umstieg auf erneuerbare Energien plädieren. Der von Kuckartz konstruierte Index des Klimabewusstseins lässt eine maximale Punktzahl von 30 zu - im Durchschnitt erreichen die Deutschen 9,8 Punkte. " Viel ist das nicht", sagt Kuckartz.

Doch wer verfügt über ein vergleichsweise ausgeprägtes Bewusstein für die globalen Klimagefahren? Und wer ist eher ignorant? Auch die Antworten darauf sind überraschend. Denn ob Mann oder Frau sonst nicht ohne Effekt, wenn es ums Umweltbewusstsein geht spielt bei der Ausprägung des Klimabewusstseins keine Rolle. Auch das Einkommen ist fast ohne Belang. Klimabewusstsein sei "nichts, was man sich erst ab einem bestimmten Einkommen leisten kann", heißt es in Kuckartz Untersuchung.

Was aber bestimmt dann das Bewusstsein? Den größten Einfluss hat die Werteorientierung. " Engagierte Idealisten" und weltoffene "Wertepluralisten" sind in der Regel klimabewusster als gleichgültige "Wertedistanzierte" und egozentrierte "Hedo-Materialisten". Im Vergleich dazu ist der Einfluss des Bildungsniveaus gering auch wenn 34 Prozent der Ignoranten eine formal niedrige Bildung besitzen, während in der Gruppe der Klimabewussten nur 24 Prozent keinen oder lediglich einen Hauptschulabschluss haben. Auch die Größe ihres Wohnortes macht Menschen nicht entweder zu Ignoranten oder zu Klimabewussten. In Dörfern und Kleinstädten sei die Chance, auf Ignoranten zu treffen, zwar signifikant größer als in Großstädten, doch rechtfertigten die Differenzen "keine pauschalen Urteile nach dem Motto In Kleinstädten leben vornehmlich Klimaignoranten", so Kuckartz. Im Vergleich der Flächenländer sind die Bayern am klimabewusstesten.

Nach Parteipräferenz geordnet, erweisen sich 17 Prozent der Unionsanhänger und 20 Prozent der SPD-Wähler als klimabewusst der Anteil der Ignoranten beträgt 23 Prozent (Union) und 20 Prozent (SPD).

41 Prozent der Grünen-Wähler sind klimabewusst, während es bei der FDP nur 13 Prozent sind. Immerhin, selbst 13 Prozent sind nicht zu verachten. Vermutlich, heißt es in Kuckartz Untersuchung, könne es sich "keine Partei leisten, das Thema Klimawandel zu ignorieren, ohne größere Wählerverluste zu riskieren".