Wenn die Welt in sich zusammenfällt, besinnt sich der Mensch auf Gott – und wenn er in der Popmusik zu suchen ist. Aktuell heißt der Retter für die Großen Herbert Grönemeyer, für die Kleinen Bill Kaulitz. Der Jüngere hat eine Woche Vorsprung: Vergangenen Freitag haben Bill und seine Knabencombo, genannt Tokio Hotel, ihr neues Album Zimmer 483 herausgebracht. Melodien für pubertierende Millionen. Welche Poesie erwartet einen hier? Und vor allem: welche Botschaft? Es scheint, als wollte Deutschlands erfolgreichste Teenieband vor allem junge Verzweifelte aus ihren seelischen Trümmern retten. Mag in den Jahren frühen Herzschmerzes auch alles düster erscheinen, Tokio Hotel ist "für dich da". – "Ich spring für dich". – "Was jetzt zählt, seid ihr". Da werden Borderline-Störungen thematisiert (An deiner Seite), Drogen (Stich ins Glück), Selbstmordgedanken (Spring nicht). Trotzdem geben sich Tokio Hotel optimistisch, als wüssten sie einen Ausweg aus dieser "Welt, die hinter uns zerfällt". Vor allem Mädchen im Alter zwischen 6 und 15 Jahren erliegen diesen Versprechungen, das Aussehen der Musiker leistet hierzu einen erheblichen Beitrag.

Die Zwillinge Bill und Tom, 17 Jahre alt, und ihre Bandkollegen Gustav, 18, und Georg, 19, haben schon mit ihrem Debüt Schrei im Jahr 2005 Platin-Status erreicht. Schon damals schien sich der Horizont der Erkenntnis bisweilen zu weiten: "Jetzt kommt Eure Zeit." Heute heißt es: "Achtung fertig los und lauf / vor uns bricht der Himmel auf / Wir schaffen es zusammen". Bill selbst hatte, wie er in einem Interview der Tempo- Jubiläumsausgabe erzählt, zwar noch nie Zukunftsängste, aber in seinem Amt kann er sich natürlich in seine Schäfchen hineinversetzen.

Die Texte des neuen Albums stammen aus der Feder von Erwachsenen: dem vierköpfigen Produzententeam. In den zwölf Liedern im schlichten Tagebuchstil werden die Sorgen dieser noch recht unauffälligen Generation auf den Punkt gebracht. "In deinen Augen / scheint alles sinnlos und leer." Wer da gleich die Shell-Studie auf den Plan ruft, wonach Kinder immer zukunftsängstlicher werden, sollte nicht vergessen, dass Rockmusik von solchen Bildern lebt.

Oder haben die Ärzte in ihren alten Pubertätshymnen, haben Nirvana in ihren Melancholie-Klassikern etwa von rosigen Zeiten gesungen? Die Tristesse wird ab einem gewissen Alter einfach zu verlockend.

Sehen Sie hier unsere Bildergalerie Nimm Rose und Kondom! Unsere Fotografin Mirjam Wählen wagte sich zwischen kreischende Mädchen beim Konzert von Tokio Hotel. 18 Ansichten der Ekstase

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