Ihren großen Tag hat sich Nicolette Kressl irgendwie anders vorgestellt. Berlin, Montagabend, ein kleines Restaurant am Rand des Regierungsviertels. Vor nicht einmal zehn Stunden hat die SPD in der Bundespressekonferenz erklärt, wie sie die Kinderbetreuung im Land verbessern will. Nicolette Kressl hat dabei ganz außen gesessen, neben SPD-Chef Kurt Beck, neben Parteivize Peer Steinbrück, neben Fraktionschef Peter Struck und neben der Bonner Oberbürgermeisterin Bärbel Dieckmann, aber das hat sie nicht gestört, denn immer wenn es um Fakten ging, ging es um sie, die Familienexpertin. Jedes Kind, so will es die SPD, soll künftig Anspruch auf einen Krippenplatz haben, ganztägig, vom zweiten Lebensjahr an bis zum Schulbeginn. Von 2010 an sollen Eltern den Krippenplatz einklagen können. Vor allem aber soll die Kinderbetreuung bald kostenlos sein.

Es ist eine klassische SPD-Forderung, der alte Traum vieler Sozialpolitiker, der nun endlich wahr werden soll.

Jetzt aber, am Ende dieses Tages, sitzt Nicolette Kressl im Kellergewölbe eines Berliner Restaurants und muss durch die Niederungen des politischen Geschäfts. Als "familienpolitischen Schildbürgerstreich" hat der Paritätische Wohlfahrtsverband den SPD-Plan gegeißelt. " Unsolide und unsozial", tönte es aus der CDU.

Unsozial? " Diesen Vorwurf", sagt Nicolette Kressl, "lasse ich mir nicht gefallen."

Es ist ein bizarrer Wettlauf, den sich SPD und CDU in der Familienpolitik inzwischen liefern. Es geht um die Gunst der Eltern in diesem Land und darum, welche Partei denn nun die sozialste ist. Wer kümmert sich wirklich darum, dass Deutschlands Paare wieder mehr Kinder in die Welt setzen? Zweieinhalb Wochen lang hatte die Union die Nase vorn, ihre Familienministerin versprach 500000 zusätzliche Kita-Plätze, bis zum Jahr 2013. Woher das Geld dafür kommen solle, sagte Ursula von der Leyen nicht. Nun hat der Koalitionspartner nachgelegt: Die SPD will mehr Plätze (750000), und das auch noch schneller (bis 2010). Vor allem aber sprechen die Sozialdemokraten über die Kosten. Genau daran entzündet sich der Streit.

Die künftige Finanzierung der Kinderbetreuung ist brisant, weil sie gleich mehrere strittige Themen berührt. Zum einen geht es um die Kompetenzverteilung zwischen Bund, Ländern und Kommunen: So interessant jeder Vorschlag aus Berlin auch klingen mag Kita-Plätze bereitzustellen ist in Deutschland immer noch die Sache der Länder.

Und deren Finanzminister achten unabhängig vom Parteibuch sehr genau darauf, dass niemand anderes als sie selbst entscheidet, wie viel Geld sie ausgeben sollen und wofür.