Ein neues Grönemeyer-Album ist wie eine Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Man weiß im Grunde, was einen erwartet, eine Art Ruckrede nämlich, die uns zu Konsumverhalten und Lotterleben neigende Deutsche daran erinnert, wo unsere eigentlichen Qualitäten liegen und mit welchen Mitteln die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu meistern sind. Ein schönes Gefühl ist es trotzdem, einmal nicht als Stimmvieh und Steuerzahler, sondern als moralische Person angesprochen zu werden. Der Unterschied: Grönemeyer beherrscht diese Disziplin besser als jeder Politiker.

Wenn er sich von seinem Londoner Exil aus zu Wort meldet, steht das ganze Land Kopf. Die Fans sind aus dem Häuschen, weil der Herbert der Herbert ist, ein zu Ruhm gelangter Mann aus dem Volke. Die Leute von der Plattenfirma sind aus dem Häuschen, weil er mit seinen Spitzenverkäufen dafür sorgt, dass sie immer noch in Lohn und Brot stehen. Mensch, Grönemeyer: Auch wenn man weiß, was auf einen zukommt, der Ton macht die Musik, und in dem Punkt ist die Nachfrage gewaltig.

Keiner geigt seinen Landsleuten so schön die Meinung wie der Mann aus Bochum.

Nur er dringt in die geheimen Winkel der Volksseele vor und findet für das, was dort schlummert, die richtigen Worte. Ob amerikanischer Imperialismus oder Fußballweltmeisterschaft wo immer es brennt, er macht ein Lied draus. Grönemeyer ist der inoffizielle Hymnendichter der Republik, geliebt und gefürchtet für seine Zwischenrufe. Wären morgen Wahlen, er würde gewiss noch vor Günther Jauch zum König von Deutschland gekürt. Dass das so ist, sieht jedes Kind. In der Frage, warum das so ist, besteht noch Klärungsbedarf.

An der Musik allein kann es nicht liegen. Grönemeyer war nie ein Virtuose und ist es auch auf seinem neuen Album nicht. 12 heißt es, weil es sein zwölftes ist und zwölf Stücke drauf sind, ein "ö" kommt darin vor, dieser seltsame, dem Englischen fremde Umlaut, die Uhr, die unerbittlich über uns allen schlägt, soll man wohl auch ein wenig ticken hören. Es gibt Beatles-Chöre und reichlich Geigen, ansonsten ist es ein typisches Grönemeyer-Album. Man hört, wo die tieferen Wurzeln liegen, bei der deutschen Balladendichtung nämlich, beim Buch der Lieder, ein wenig Goethe spielt hinein, mehr als die Musik jedoch ist es die Selbstähnlichkeit des Phänomens Herbert, die seinen Erfolg ausmacht. Immer wenn sein unvergleichlicher, silbenverschluckender Gesang anhebt, stellt sich ein beruhigendes Gefühl der Konstanz ein: einer wenigstens, der sich treu geblieben ist.

Grönemeyer hat sich erfolgreich dort installiert, wo im Weltgefüge ein Loch klafft: bei der Moral. Was soll uns die Rentenreform, wenn es ums Ganze geht? Mit Empfindsamkeit, Gottvertrauen und viel protestantischer Arbeitsethik beackert er ein Terrain, das weniger tiefsinnige Zeitgenossen preisgegeben haben. Schon immer haben ihn die großen Fragen interessiert: Wann ist ein Mann ein Mann? Wie wird der Mensch ein Mensch? Wo ist Zuhause? " Liebe, Heimat und Identität" sei die Begrifftrias, unter die sich sein Werk subsumieren lasse, war im Vorwort seiner unlängst erschienenen Gesammelten Texte zu lesen.

Zumindest für die vergangene Dekade, gekrönt vom Opus magnum Mensch, trifft das vollumfänglich zu. Grönemeyer dichtet für Deutschland. Auf 12 schreitet er den Kreis noch einmal neu ab.