Fast ist der Kampf gekämpft und gewonnen. Selbst auf Samoa und im Schweizer Kanton Appenzell Innerrhoden dürfen Frauen seit 1990 wählen. Aber noch immer gibt es einige wenige Staaten, Mitglieder der UN, in denen Frauen dieses Recht verweigert wird. Das große Saudi-Arabien gehört dazu und das kleine südostasiatische Scheichtum Brunei. Die Herren blicken etwas starr: Wahllokal im westfinnischen Ylihärmä, März 1907. Fotofragment BILD

Seit über zweihundert Jahren währt das Ringen nun, als entschlossene Bürgerinnen in den Tagen der Französischen Revolution die gleichen Rechte für sich forderten wie für die Herren Bürger. Hier und da gab es Konzessionen an die weibliche Hälfte der Bevölkerung – meist in eingeschränkter Form, das heißt, das (aktive) Wahlrecht galt, wie zum Beispiel seit 1862 in Schweden, nur bei Kommunalwahlen und auch nur für unverheiratete Frauen oder für Besitzbürgerinnen. Oder nur für Witwen, wie seit 1883 in Kanada. 1869/70 war das US-Territorium Wyoming das erste Staatswesen, in dem alle Bürgerinnen endgültig und ohne Einschränkung wählen durften. 1893 folgte Neuseeland, 1902 Australien. Im Süden des fünften Kontinents hatte der Großteil der Frauen einige Jahre zuvor auch das passive Wahlrecht erhalten; die Ureinwohner allerdings, Australiens Aborigines, mussten noch bis 1967 warten, Männer wie Frauen.

Und in Europa? Da war es nicht das revolutionäre Frankreich oder das fortschrittliche Großbritannien, sondern ausgerechnet ein Land am Rande, das den entscheidenden Schritt tat. Denn hier in Finnland erstritten sich die Frauen vor genau hundert Jahren weltweit erstmals auf einen Schlag das uneingeschränkte aktive und passive nationale Wahlrecht.

Clara Zetkins Schriften inspirieren die finnischen Frauen

Wie war das möglich? Wie war es möglich, dass ausgerechnet in einem kleinen Land, das noch nicht einmal selbstständig, sondern Teil des Russischen Reiches war, das modernste parlamentarische System der damaligen Zeit durchgesetzt werden konnte?

Natürlich gelang den Finninnen da kein einsamer Coup. Die Radikalreform stand in Zusammenhang mit der europäischen Entwicklung. Die ganze internationale Frauenbewegung hatte mitgeholfen. Überall zwischen Helsinki und Rom organisierten sich in den neunziger Jahren die Frauen, um ihre sozialen und politischen Rechte einzufordern. Die gewählten Mittel unterschieden sich sehr. In England zum Beispiel, wo die Frauen von den Wahlen zum Parlament ausgeschlossen blieben, zeigten sich die Frauenrechtlerinnen militanter als in Skandinavien oder in Deutschland. Um Aufmerksamkeit zu erregen, propagierten die Suffragetten, wie sie sich nannten, die direkte Aktion, zerschlugen Schaufenster, legten Brände, störten Versammlungen oder organisierten Hungerstreiks. Vergeblich – Englands Frauen wurden weiterhin (bis 1918) um das nationale Wahlrecht betrogen.

In Deutschland ging es zunächst darum, die wirtschaftliche, soziale und rechtliche Gleichstellung zu erreichen und die gleichen Bildungschancen durchzusetzen. Eine typische Vorkämpferin ist die Frauenrechtlerin Anita Augspurg, die als eine der ersten Frauen Jura studierte und in Zürich promoviert wurde. Zusammen mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann schrieb sie Artikel in der Zeitschrift für Frauenstimmrecht und gründete 1902 den Deutschen Verband für Frauenstimmrecht, dessen langjährige Vorsitzende sie wurde. 1904 gehörte sie in Berlin zu den Initiatorinnen des Weltbundes für Frauenstimmrecht, auch hier spielte sie eine führende Rolle.

Einen großen Einfluss auf Finnlands Frauen hatten daneben die deutschen Sozialdemokraten, vor allem August Bebel und Clara Zetkin. Beide waren der Meinung, dass erst die klassenlose sozialistische Gesellschaft und die Befreiung vom Kapitalismus die Gleichberechtigung von Frau und Mann herbeiführen könnte. Die Frauenfrage war Teil der Klassenfrage. Für Bebel konnte sich die Frau nur innerhalb und mit Hilfe der Arbeiterbewegung vom Joch der Unterdrückung befreien. Folglich wurde 1891 die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in das Erfurter Parteiprogramm der SPD aufgenommen, das den finnischen Sozialisten später als Vorbild dienen sollte.

»Die Arbeiterfrauen«, hatte Clara Zetkin schon 1889 geschrieben, »welche nach sozialer Gleichheit streben, erwarten für ihre Emanzipation nichts von der Frauenbewegung der Bourgeoisie, welche angeblich für Frauenrechte kämpft.« Und in einem Beitrag zur Frage des Frauenwahlrechts äußerte sie noch gut zwei Jahrzehnte später: »Die Forderung der Frau, als Persönlichkeit mittels des aktiven und des passiven Wahlrechts den ihr gebührenden Platz in Staat und Gemeinde auszuüben, hat ihre wichtigste treibende Kraft durch die wirtschaftliche Entwicklung, durch die kapitalistische Produktion erhalten.« Nun gelte es, das System zu bekämpfen, denn die völlige Gleichstellung der Frau sei auf dem Boden der bestehenden Ordnung unmöglich.

Clara Zetkin wurde für die Nordeuropäerinnen eine Leitfigur. Sie gab die Zeitschrift Gleichheit heraus, in der auch die finnische Sozialistin Hilja Pärssinen veröffentlichte, die 1907 ins Parlament gewählt wurde. Zudem organisierte Zetkin zahlreiche Konferenzen, auf denen es immer wieder um das aktive und passive Wahlrecht ging. Auf Zetkins Initiative hin beschloss im August 1910 die II. Internationale Konferenz sozialistischer Frauen in Kopenhagen, alljährlich unter der Losung »Kampf um Frieden und die Rechte der Frau« einen »internationalen Frauentag« zu begehen (später wurde das der 8. März). Auch er sollte an die fortdauernde Verweigerung des Stimmrechts erinnern. So heißt es auf einem deutschen Plakat zum Frauentag 1914: »Heraus mit dem Frauenwahlrecht. Der Frau wurde durch Voreingenommenheit und reaktionäre Gesinnung das volle Staatsbürgerrecht bisher verweigert.« Deshalb müsse das »natürliche Menschenrecht jetzt ohne Ruhen und Rasten erkämpft werden«.

In Finnland verband sich seit 1899 der alte nationale Widerstand gegen den Zarenadler mit der Forderung nach politischen und sozialen Reformen. Vor allem der Streit um das Wahlrecht wurde zu einer Kernfrage des Kampfes auch zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Frauenbewegung. In Finnland gab es nämlich weniger eine Konfrontation zwischen den stimmberechtigten Männern und den entmündigten Frauen als vielmehr, exakt wie Zetkin es analysiert hatte, zwischen den privilegierten Schichten und der politisch rechtlosen Bevölkerung, zwischen oben und unten.

Die realistischen Dramen der Minna Canth werden verboten

Dieser Konflikt wurde natürlich auch zu einem Thema der Dichtung. So beschwor die bekannte Schriftstellerin Minna Canth (1844 bis 1897) in ihren Dramen das Elend der Proletarier, die fatale Borniertheit des Bürgertums. Vehement forderte sie das Recht der Frauen auf ein selbstbestimmtes Leben und setzte durch ihr Werk just jene Diskussion in Gang, in deren Folge Finnlands Bürgerinnen schließlich das Wahlrecht erhielten. Ihr krasser Realismus, den sie in Dramen wie Die Frau des Arbeiters (1885) auf die Bühne brachte, wirkte auf viele Zuschauer nicht weniger schockierend als die bürgerlichen Seelendramen Ibsens und Strindbergs. Kein Wunder, dass einige ihrer Stücke bald nicht mehr aufgeführt werden durften.

Doch um den immensen Modernisierungsschub zu verstehen, der Finnland bald nach der Jahrhundertwende erfasste, muss man die besondere finnische Geschichte im Auge behalten. Das dünn besiedelte Land der Wälder und Seen, das viele Jahrhunderte zu Schweden gehört hatte, war seit 1809 autonomer Teil des Russischen Reiches, der Zar zugleich Großfürst von Finnland. Das Land hatte den offiziellen Status einer konstitutionellen Monarchie mit einer garantierten Verfassung, eigener Gesetzgebung, eigener Regierung und Verwaltung. Die Legislative lag beim Landtag, der sich aus vier Ständen – Adel, Geistlichkeit, Bürger und Bauern – zusammensetzte. Diese Vertretung war, wie in so vielen europäischen Ländern, ungerecht und stand im krassen Missverhältnis zur tatsächlichen Zusammensetzung der Bevölkerung, denn um 1900 waren rund zwei Drittel der potenziellen Wahlberechtigten überhaupt nicht vertreten. Die Verwaltung des Landes lag in den Händen des Senats, in dem mit Ausnahme des russischen Generalgouverneurs nur Finnen vertreten waren. Völkerrechtlich gesehen war Finnland demnach zwar ein Bestandteil des Russischen Reiches und wurde daher auch durch St. Petersburg nach außen hin vertreten, staatsrechtlich gesehen verfügte es hingegen über eine selbstständige Staatsgewalt, wobei allerdings dem Generalgouverneur das letzte Wort in allen entscheidenden Fragen vorbehalten blieb.

Ein Attentat auf den Gouverneur des Zaren

Als Zar Nikolaus II. 1894 den Thron bestieg, sah er sich bald von den Forderungen der Nationalisten, Slawophilen und Panslawisten bedrängt, den Sonderstatus des Großfürstentums und damit die finnische Autonomie aufzuheben. Nach Streitigkeiten über die zukünftige Wehrverfassung erließ der unglücklich agierende, schlecht beratene Monarch schließlich im Februar 1899 ein Manifest, das einem Staatsstreich gegen die Verfassung Finnlands und einem Anschlag auf die finnische Autonomie gleichkam. Das Gesetzgebungsrecht sollte dem Landtag entzogen werden, den Ständen blieb nur noch das »Recht zur Begutachtung«. Alle Macht lag jetzt in St. Petersburg.

Das berüchtigte Februarmanifest degradierte Finnland zur russischen Provinz. Trotz zahlreicher Proteste im In- und Ausland – ein Beispiel ist die Petition Pro Finlandia, die von über tausend europäischen Intellektuellen unterzeichnet wurde, unter ihnen die Deutschen Theodor Mommsen, Rudolf Virchow und Hans Delbrück – gab der Zar nicht nach. Der finnische Widerstand wuchs. Zugleich begann in der Opposition ein erbitterter Richtungskampf, zunächst noch zwischen den bürgerlichen Parteien. Setzte die eine Seite auf Verhandlungen, pochte die andere auf die bedingungslose Erhaltung der Autonomie und empfahl, sich den neuen Gesetzen zu verweigern.

Zwischen Finnen und Russen verhärteten sich die Fronten, der Protest radikalisierte sich. Es kam zu ersten Gewaltakten, vor allem, nachdem Generalgouverneur Nikolaj Bobrikow durch ein Ausnahmegesetz am 9. April 1903 praktisch diktatorische Vollmachten bekam. Er durfte nun die Pressezensur verschärfen, Versammlungen verbieten und Dissidenten ausweisen. Im Juni 1904 brach sich der Protest hasserfüllt Bahn. Bobrikow wurde auf den Treppen des Senatsgebäudes in Helsinki erschossen. Der Täter, Eugen Schauman, begründete seine Tat mit politischer Notwehr, da nur so Finnlands garantierte Rechte erhalten werden könnten.

In jenen Tagen trat ein neuer Akteur auf die politische Bühne des Landes: die Arbeiterbewegung. Die 1899 gegründete Sozialistische Partei, die sich in vielen Punkten eng an das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie angeschlossen hatte, verfolgte in der Autonomiefrage eine andere Strategie als die bürgerlichen Parteien. Von ihrem Profil her waren die finnischen Sozialdemokraten marxistischer orientiert als die deutschen. Folgerichtig zeigten sie sich auch in ihrer Haltung gegen den Zaren kompromissloser als die Konservativen oder die Liberalen.

Die Sozialisten forderten nicht nur, die nationalen Rechte des finnischen Volkes zu erhalten und durchzusetzen. Sie verlangten zudem innenpolitische und soziale Reformen, um das Hauptziel zu erreichen, nämlich die Befreiung der Arbeiterklasse. Also weg mit dem alten Ständeparlament! Her mit dem Einkammersystem – und dem Frauenwahlrecht! Am Ende sollte ein neuer Landtag stehen, hervorgegangen aus gleichen und geheimen Wahlen.

So führten die Sozialisten einen Zweifrontenkrieg: gegen die Bürger und gegen den Zaren. Denn so marxistisch-internationalistisch sie waren, sie blieben doch immer auch finnische Patrioten. Eines allerdings wurde den anderen Parteien klar signalisiert: Nationale Solidarität gegen die Russen konnte es nur geben, wenn man die Forderungen der Arbeiter erfüllte.

Dann kam die Niederlage der russischen Truppen gegen die Japaner, das Debakel von Tsuschima. Und in seiner Folge die Revolution von 1905. Die Fundamente der zaristischen Autokratie gerieten ins Wanken. Die finnischen Sozialisten erkannten sofort ihre Chance. Nachdem Nikolaus II. seinem Volk im Oktober 1905 bürgerliche Freiheiten zugesichert hatte, griffen Anfang November die Unruhen auf Finnland über, und es kam zu einem landesweiten Generalstreik.

Im sogenannten Roten Manifest forderten die Arbeiter am 1. November ultimativ den Rücktritt des Senats, die Vorbereitung von Wahlen für eine konstituierende Versammlung sowie demokratische Rechte und die Beendigung der nationalen Unterdrückung. Die Spannungen flauten erst ab, als der Zar drei Tage später die wichtigsten Verordnungen für Finnland seit 1899 aufhob, die Versammlungs- und Pressefreiheit wiederherstellte und Reformen versprach. In der Folge übertrug er dem Senat die Aufgabe, einen Entwurf für eine neue Landtagsordnung vorzulegen.

Am 4. Dezember machte sich eine Kommission an die Arbeit. Anfangs versuchten die bürgerlichen Vertreter noch, da sie Vorbehalte gegen die Sozialisten hatten, deren Einfluss zu beschränken. Doch vergeblich: Am 28. Mai 1906 nahm die Ständevertretung das neue Wahlgesetz an, wodurch Finnland das modernste parlamentarische System in Europa erhielt. Laut der neuen Verordnung bestand der Landtag aus 200 Abgeordneten, die nach den Regeln des Verhältniswahlrechts in allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlen alle drei Jahre neu bestimmt werden sollten. Alle Bürgerinnen und Bürger vom vollendeten 24. Lebensjahr an durften nun wählen gehen.

Mit einem Schlag und ohne blutige Revolution war Finnland im 20. Jahrhundert angekommen. Der Ständestaat hatte sich fast schon in eine moderne Demokratie verwandelt. Der Zar und die russische Regierung, die am 20. Juli 1906 die neue Landtagsverordnung bestätigten, achteten allerdings genau darauf, dass die Rechte des Monarchen gewahrt blieben und sich die Machtverhältnisse zwischen Zar und Parlament nicht veränderten. Das demokratische Wahlverfahren und das Wahlrecht für Frauen interessierten sie überraschenderweise weniger, da dies als eine innerfinnische Angelegenheit angesehen wurde. Hauptsache war, dass der Senat weiterhin dem Zaren verantwortlich blieb.

Wie vorgesehen fanden die Wahlen am 15. und 16. März 1907 statt und endeten mit einem überwältigenden Sieg der Sozialdemokraten, während die Konstitutionellen eine schmerzhafte Niederlage erlitten. Die Sozialdemokraten erhielten 80 Sitze, die Konstitutionellen 26, die Altfinnen 59, die Schwedische Volkspartei 24, die Agrarunion 9 und der Christliche Arbeiterbund 2. Erstaunlich genug, aber nicht nur das Wahlsystem, sondern auch das finnische Parteienspektrum von damals hat sich bis heute in seinen Grundzügen erhalten.

Am 23. Mai 1907 nahm das Parlament seine Arbeit auf, bestaunt von in- und ausländischen Beobachtern vor allem deshalb, weil insgesamt 19 Frauen gewählt worden waren. Neun von ihnen gehörten der Sozialdemokratischen Partei an. Die meisten der weiblichen Abgeordneten waren unverheiratet und kinderlos, ihr Durchschnittsalter lag bei 39 Jahren. Die sozialdemokratischen Frauen – typische Berufe waren Dienstmädchen, Näherin oder Weberin – hatten ihre ersten politischen Erfahrungen in der Gewerkschaftsbewegung gesammelt, während die bürgerlichen Vertreterinnen in der Mehrzahl Lehrerinnen waren. Parteiübergreifende weibliche Solidarität verflog rasch. Die liberalen und konservativen Volksvertreterinnen sahen sich eher als Repräsentantinnen ihres Standes, während die proletarischen Parlamentarierinnen mit ihren männlichen Genossen zusammenarbeiteten, hatten sie doch gemeinsam mit ihnen in Streiks und Protestaktionen das neue Wahlrecht erkämpft.

Die heute vielleicht bekannteste Protagonistin jener Tage ist die Sozialdemokratin Miina Sillanpää (1866 bis 1952). Sie stammte aus einer Kleinbauernfamilie und musste bereits als Zwölfjährige in einer Baumwollspinnerei arbeiten. Gerade 18 Jahre alt, entkam sie der Fron und nahm eine Stellung als Dienstmädchen an. Sie begann zu schreiben und sich für die Rechte der Hausangestellten zu engagieren. Bis zum Ersten Weltkrieg durchlief sie dann eine bemerkenswerte politische Karriere. Sie wurde Vorsitzende der sozialdemokratischen Frauenvereinigung, Mitglied im Parteivorstand, Stadtverordnete in Helsinki. Als sie 1907 ins Parlament einzog, konnte sie allerdings noch nicht ahnen, dass es für 40 Jahre, bis 1947, ihre politische Wirkungsstätte bleiben sollte! 1926 übernahm sie für kurze Zeit das Sozialministerium – als erste Ministerin der Republik Finnland. Immer wieder machte sie sich für die Rechte lediger Mütter stark, ein Tabuthema damals nicht nur in ihrem Land.

In Deutschland müssen die Frauen noch bis 1919 warten

Eine andere Abgeordnete der ersten Stunde war die schwedischsprachige Alexandra Freifrau von Gripenberg (1857 bis 1913), eine typische Vertreterin der bürgerlichen, konservativen Frauenbewegung. Sie kam als Tochter eines Senators zur Welt und erhielt eine sorgfältige Erziehung. Früh begann sie zu reisen. Bei ihren Besuchen in Mitteleuropa, England und den USA lernte sie die internationale Frauenbewegung kennen und schloss sich dabei jenen an, die sich bewusst von den Sozialisten abgrenzten. Eine Frau mit Klassenstandpunkt. So klagte sie 1907 mit Blick auf ihre Kolleginnen im Plenum: »Im finnischen Parlament gibt es nicht nur ungebildete Frauen, sondern, kaum auszudenken, auch ein Dienstmädchen, eine Wäscherin und andere Plebejer.« Alexandra von Gripenberg, die sich einen Namen als Schriftstellerin machte, war bis zu ihrem frühen Tod Vorsitzende des finnischen Frauenvereins und arbeitete mehrere Jahre im Vorstand der internationalen Frauenunion mit.

Was in Finnland gelungen war, sollte im übrigen Europa noch einige Zeit auf sich warten lassen. In Deutschland konnten die Bürgerinnen erst bei der Wahl zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919, nach dem Sturz des Hohenzollernregimes, gemeinsam mit den Männern ihre Stimme abgeben beziehungsweise sich zur Wahl stellen; ein Jahr später, im Juni 1920, zogen 37 Frauen in den ersten Reichstag der Weimarer Republik ein. In Frankreich gar, wo Olympe de Gouges ihre Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin bereits 1791 proklamiert hatte, mussten die Frauen noch bis 1944, bis zum Ende der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg warten. Das finnische Beispiel von 1907 lehrt einmal mehr, dass die Kleinen oft die Ersten sind und die Großen, die sie gerne übersehen oder marginalisieren, viel von ihnen lernen können.

Der Autor ist Historiker und lebt in Essen. Mehr zum Thema auch in der Ausstellung »Mit Macht zur Wahl – 100 Jahre Frauenwahlrecht in Europa«, die noch bis 15. April im Frauenmuseum, 53111 Bonn, Im Krausfeld 10, zu sehen ist (Tel. 0228/691344); der zweibändige Katalog kostet 38 Euro