Begeisterte Leser dieser Kolumne ermahnen uns immer wieder liebevoll, hin und wieder den Zauberberg der Kultur zu verlassen und herabzusteigen in die Niederungen des gemeinen Lebens. »Leicht beieinander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen«, rufen sie uns mit Friedrich Schiller zu. Liebe Leser, Sie haben recht. Zu oft vergessen wir das Tal der Tränen, zum Beispiel die armen Eltern, die nachts verzweifelt versuchen, ihren Nachwuchs zum Durchschlafen zu bewegen.

Diese Menschen haben keine Lobby, und guter Rat ist teuer. Bischof Mixa empfiehlt gewiss einen Schuss Messwein ins letzte Fläschchen, auf dass die Engelein fröhlich singen. Wir hingegen legen Ihnen den Ratgeber Jedes Bobbelchen kann schlafen lernen ans Herz. Was Bernhard Buebs Lob der Disziplin für große, ist dieses Buch für kleine Kinder – wie geschaffen für Eltern, die ihren Kleinen liebevoll zeigen wollen, wo alle Liebe aufhört. Gehen Sie wie folgt vor: Legen Sie Ihr Liebstes wie gewöhnlich nach der Tagesschau im Bett ab, und starten Sie die harmonische Gutenachtlieder-Diskette von Florian Silbereisen. Erwartungsgemäß wird Ihr Kind nun nach der Milchflasche oder einer erziehungsberechtigten Person rufen. Lassen Sie sich nicht erpressen.

Bleiben Sie hart, und lassen Sie Ihr Kind eine halbe Stunde lang liebevoll schreien. Wird durch die einsetzenden Schreiattacken Erbrechen ausgelöst, so ist dies im Rahmen der Maßnahmen durchaus üblich und kein Beweis von kindlichem Unwohlsein. Gehen Sie mit dem Erbrechen sachlich und kommentarlos um, und achten Sie darauf, dass Sie Ihr Kind nicht noch für sein Verhalten belohnen. Auch wenn Sie dem Schreihals anschließend einen sauberen Schlafanzug gönnen, wird er die halbe Nacht aus tiefem Herzen schluchzen. Seien Sie unbesorgt – andere Kinder in anderen Erdteilen erleiden ganz andere Schicksale. Sollte Ihnen das kleine Wesen trotzdem leidtun, dann zeigen Sie Erbarmen mit sich, und benutzen Sie handelsübliche Ohrenschützer, wie sie auf Baustellen getragen werden.

Achtung: Vermeiden Sie körperliche Züchtigungen, es könnte bei Ihren Nachbarn zu Missverständnissen führen. Sobald Ihr Zögling vor Erschöpfung eingeschlafen ist, starten Sie einen Überraschungsbesuch und rufen ihm ein fröhliches »Na, geht doch!« zu. Nicht vergessen: Geben Sie Ihrem Kind keine Flasche, und öffnen Sie stattdessen selbst eine. Stoßen Sie mit Freund oder Freundin, im Bedarfsfall auch mit Vater oder Mutter auf Ihren Erfolg an. Prosit. Man gönnt sich ja sonst nichts!