Die Dämmerung im Saaletal eignet sich nicht als Stoff für zartromantische Gedichte. Kalt steigt sie aus dem Fluss herauf. Neblig schwappt sie über die Uferwiesen. Sie hat nichts Verlockendes wie bei Eichendorff, nichts Strahlendes wie bei Novalis, nichts Heiligmäßiges wie bei Brentano und ist fast noch gespenstischer als bei E.T.A. Hoffmann. Wenn sie in feuchten Schwaden über die Hügel kriecht, winken die Weidenbäume mit ihren Spinnenfingern, färbt der Himmel sich dunkelblau. Und dem späten Wanderer scheint es, als habe die Dämmerung nur deshalb tagsüber in den Wildschweinkuhlen am Fluss und im Unterholz des nahen Fichtenwaldes gehockt, um ihn jetzt in eine klamme Umarmung zu schließen. 

Dann hält man unwillkürlich Ausschau, ob einem nicht ein altmodisch gekleideter Herr mit einer Laterne entgegenkommt. Auf halbem Weg zwischen der Stadt Hof und dem oberfränkischen Dörfchen Joditz liegt ein Grab, das der Dichter Jean Paul oft bei Nacht besuchte. Es ist das Grab seines jüngeren Bruders Heinrich, der im Winter 1789 unter mysteriösen Umständen in der Saale ertrank. Manche meinten, er habe sich aus Verzweiflung über die Armut seiner Familie von einer Brücke gestürzt. Andere behaupteten, er sei nach dem Streit mit einem Hofer Rotgerber hinabgestoßen worden. Einig war man sich jedoch, dass die nächtlichen Grabgänge des damals 25jährigen Johann Paul Friedrich Richter zum Gruseln seien. Der Sohn des Joditzer Pfarrers, so berichtet die Hofer Stadtchronik, habe mit seiner Laterne die abergläubischen Bauern in Schrecken versetzt: Sie fürchteten, die ruhelose Seele des Ertrunkenen irrlichtere durchs Saaletal.

Wenn man heute am Feldrain oberhalb der Grabstelle steht, bei dem knorrigen Wildapfelbaum, der den höchsten Punkt des Wanderweges nach Joditz markiert, blickt man über die sanft gewellte Flur hinunter zu der Stelle, wo Heinrichs Leichnam angespült wurde. Dort fließt die graubraune Saale so träge wie der Totenfluss Lethe. Dort klebt einem der Morast in fetten Klumpen an den Sohlen, dass man schwerfällig läuft wie in einem bösen Traum. Warum geht ein Dichter bei Dunkelheit in solch unwegsames Gelände? Vielleicht war es eine Buße, die Jean Paul sich auferlegte, denn obwohl er wie besessen schrieb, hatte er seit dem frühen Ableben seines Vaters 1779 kaum zur Unterstützung der Mutter und der vier jüngeren Brüder beitragen können. Vielleicht bereiteten ihm die Trauermärsche aber auch eine Art Angstlust, wie sie sich später in vielen seiner Nachtvisionen ausdrückte. "Die fernen Glocken schlugen um Mitternacht gleichsam in das fortsummende Geläute der alten Ewigkeit. Ich ging still durch kleine Dörfer hindurch und nahe an ihren äußern Kirchhöfen vorbei, auf denen morsche herausgeworfene Sargbretter glimmten, indes die funkelnden Augen, die in ihnen gewesen waren, als graue Asche stäubten."

Dass Jean Paul einer der bedeutendsten Sänger des Nächtlichen war, ist heute weitgehend vergessen. Allenfalls kennt man sein Schulmeisterlein Wutz oder den Siebenkäs . Die Zeitgenossen jedoch lasen auch seine metaphernseligen, verklausulierten Romane Die unsichtbare Loge und Hesperus , benannt nach dem Abendstern, der zugleich der Morgenstern ist. In ihnen drückt sich eine obsessive Nachtliebe und eine Glorifizierung der herben oberfränkischen Landschaft aus, von der Jean Paul glaubte, dass sie ihren Reiz erst nach Sonnenuntergang offenbare. Kein anderer deutscher Dichter, ausgenommen Novalis, setzte sich so intensiv mit der Kehrseite des Tages als einer geheimnisvolleren Welt auseinander. Und keiner pflegte zu ihr ein so ambivalentes Verhältnis. Jean Pauls literarische Nachtwanderungen verraten ja eine tief verwurzelte Faszination für das Düstere, aber auch die Angst, sich darin zu verlieren.

Dieser Gemütslage kann man sich nördlich des Fichtelgebirges rasch annähern. Wenn flüchtiges Abendrot den Horizont nachzeichnet, weiß man schon, dass der Weg sich gleich verfinstert, als wollte es nie wieder hell werden. Nur das Knirschen der Kiesel weist dann die Richtung. Und wo das Feld endet, tut sich der Höllenschlund des Waldes auf. Dann ist man froh, wenn einem von fern die Reklame einer Tankstelle heimleuchtet. Und man ahnt, warum Jean Paul immer wieder aus vollem Halse den Tagesanbruch feierte. Ins Lichte, Harmonische strebte er mit dem demonstrativen Gottvertrauen eines schwankend gewordenen Gläubigen und mit dem übertriebenen Pathos eines Aufklärers, der die Aufklärbarkeit des Menschen bezweifelt. Goethe nannte den unklassischen Denker aus der Provinz ein "wunderliches Wesen", und für Schiller blieb er "fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist".

Der Mond aber, das ist Joditz. Man erreicht ihn über die Autobahnen A9 oder A72, ein entlegenes Kleckerdorf, umschlungen von Schnellstraßen, aber so gleichgültig gegenüber dem Fortschritt wie wahrscheinlich schon vor 250 Jahren.

Hier zeigt sich der melancholische Charakter des bayerischen Vogtlands mit seinen schlichten Höfen, kargen Gärten. In der autobiografischen Erzählung Flegeljahre sieht Jean Paul den Kindheitsort zu seinen Füßen liegen, und es kommt ihm vor, als habe er diesen Flecken gekannt, noch bevor er ihn zum ersten Mal erblickte: den Strom um das Dorf, den Bach entlang der Poststraße, den steil auffahrenden Waldberg. Hier wurde er zwar nicht geboren, sondern in Wunsiedel, 1763. Hier ist er auch nicht gestorben, sondern in Bayreuth, 1825. Doch die prägende Zeit vom zweiten bis zum dreizehnten Lebensjahr verbrachte der meistgelesene Autor seiner Epoche in Joditz, das ihm zum Ursprungstal eines genialischen, von Nachtschmetterlingen wimmelnden Universums wurde. Man nähert sich ihm am besten von Hof her, immer der Saale nach, am Teufelsberg entlang, durch Unterkotzau hindurch, am Brudergrab vorbei, über die Brücke der Fattigsmühle und endlich durch das Tor des Jean-Paul-Museums.