Man muss wissen, dass ich kein Diskotyp bin. Nie konnte Musik auch nur ein Wippen aus mir herausholen. Früher, in den Tanzlokalen meiner Heimatstadt, blieb ich immer reglos an einer Wand in der Nähe des Ausgangs stehen, bis ich ging. Sie nannten mich »die Säule«. Aber ich glaube, dass ein Mann seine Angst besiegen muss. Und darum bin ich hier, in Qeqertarsuaq auf der Insel Disko.

Meine Samstagnacht beginnt, als es dunkel wird. Also kurz nach dem Mittagessen. Noch ist es zu früh zum Ausgehen. Ich brauche erst mal einen Kaffee. Eine Maschine finde ich neben der Rezeption in meinem Quartier, dem Hotel Disko, aber kein Kaffeepulver. Das macht nichts der größte Supermarkt der Insel liegt nur hundert Meter entfernt. Doch ohne das passende Outfit gehe ich nicht aus dem Haus. Also rein in die Thermohose, in das zweite Paar Socken, die klobigen Stiefel. Dann die beiden Faserpelzjacken, den Parka, die fellgefütterten Fäustlinge, Mütze und Kapuze übergezogen. Mitten im Winter kann es hier nämlich recht kühl werden. Heiße Nächte, die sind auf Disko ganz besonders eine Frage der inneren Haltung.

Auf halbem Wege kommen mir zwei Männer entgegen. Netterweise haben sie ihren Frauen die Aufgabe abgenommen, das Fleisch für den Sonntagsbraten zu besorgen. Das zieht einer von ihnen an einem kurzen Strick über den festgefahrenen Schnee der Straße. Hygienisch geht das absolut in Ordnung, weil das Fleisch noch in sein Fell verpackt ist.

Beides zusammen war mal eine Robbe. Freundlich, wie diese Insulaner nun mal sind, nicken mir die beiden Männer zu und gehen weiter, die Gewehre an groben Lederschnüren auf dem Rücken.

Auf der Liste der angesagten party locations steht die Insel gewöhnlich wirklich nicht ganz oben. Ziemlich ruhig mancher würde sagen, vollkommen abgelegen liegt sie vor der grönländischen Westküste. Von dort ist sie jetzt im Winter nur per Helikopter zu erreichen. Und obwohl sie zweieinhalbmal so groß wie Mallorca ist, leben gerade einmal tausend Menschen hier: die meisten in Qeqertarsuaq, dem Hauptort, dazu einige wenige Familien in Kangerluk, ein paar Fjorde weiter nördlich. Es gibt auch keine Disko auf der Insel, nur die im Namen, und wo der herkommt, ist den Leuten selbst nicht vollkommen klar. Trotzdem ist Disko extrem sinnvoll für einen wie mich. Denn die Nächte sind tatsächlich unglaublich lang, im Winter um die zwanzig Stunden. Und wie man die anständig herumbringt, das werden mir die Einheimischen schon zeigen. Die werden es wissen. Im Internet war von einer Kneipe im Ort zu lesen.

Seitdem male ich mir aus, wie ich nach etlichen Schnäpsen an einem grob gezimmerten Tisch aus Treibholz sitze und Walspeck kaue, zu den überlieferten Weisen der Alten befreit mit schwarzhaarigen Schönheiten tanze, Geschichten von der Jagd höre. An den Blicken meiner neuen Freunde werde ich sehen, dass ich dazugehöre. Wir werden die selbst gestrickten Pullover ausziehen und unsere Kräfte im grönländischen Fingerhakeln messen, freihändig aus dem Stand. Kurz vor Morgengrauen werden wir feierlich unsere Messer austauschen und uns beim Verlassen der Kneipe gegenseitig stützen. So in etwa stelle ich mir meine Samstagnacht auf Disko vor. Vom Zwischenmenschlichen her superinteressant.

Der Pilersuisoq-Supermarkt ist ein Einkaufsparadies. Zwischen Jagdgewehren und Hai-Angel-Vorfächern, Benzinpumpen für Außenborder, Frotteeslips mit Rüschenkante und Stahlkappen-Thermogummistiefeln, Robbenlebern und Schweineherzen greife ich mir ein Päckchen Arabica.

Außerdem Pils und Jule-Brygg-Weihnachtsbier, je einen Sechserträger.

Dazu sicherheitshalber eine Flasche Aquavit. Die Kassiererin schaut kurz hoch. In ihren schwarzen Augen, hinter Brillengläsern, wie sie so riesig nur Inuit- oder Indianerfrauen tragen, blitzt kurz etwas auf.

Kann das leiser Spott sein?

Zurück im Hotel koche ich mir meinen Kaffee. Dann packe ich die übrigen Einkäufe in den Kühlschrank, das heißt, ich stelle sie in die Schneewehe neben dem Eingang. Könnte jetzt drinnen dänische Quizshows im Fernsehen anschauen und mit dem ersten Bier die Partylaune vorglühen. Ich sondiere lieber das Terrain. Gibt ja doch einiges zu gucken. So viel jedenfalls, wie es überhaupt zu gucken gibt auf Disko.