Chinas Aufstieg ist ungeheuerlich. So ungeheuerlich, dass wir uns fragen, ob das 21. Jahrhundert ein chinesisches Jahrhundert wird. Wenn ja, dann müsste sich der Rest der Welt mit den Werten einer völlig anderen Zivilisation arrangieren als bisher. So problematisch die heutige Dominanz Amerikas auch sein mag, in einer von China dominierten Welt gäbe es keinen Garanten mehr für unsere im Grundsatz liberale Kultur und jene globalen Institutionen, die aus der Tradition der freiheitlichen Gesellschaften im Westen entstanden sind. Die Frage, ob es ein chinesisches Jahrhundert wird, ist also eine der wichtigsten unserer Zeit.

Chinas Wachstumsraten sind der Neid der ganzen Welt. 400 Millionen Menschen wurden aus der Armut befreit. Noch vor 2010 wird das Land Deutschland und die USA als Exportweltmeister hinter sich lassen, und die Währungsreserven haben gerade die magische Grenze von einer Billion Dollar erreicht. Wie konnte das gelingen? Die vorherrschende Erklärung im Westen ist, dass China sich vom Kommunismus verabschiedet und sich dem Kapitalismus verschrieben habe. Deswegen werde China auch nicht aufhören zu wachsen und noch lange weiterblühen, sagen viele.

Ich bin da ganz anderer Meinung. China wird den Westen wirtschaftlich nicht von der Bühne fegen. Die chinesische Führung betont, dass sie ein ganz besonderes Wirtschaftsmodell entwickele: eine sozialistische Marktwirtschaft. In Wahrheit herrscht hier aber weder die sozialistische Marktwirtschaft, noch nähert sich das Land dem Kapitalismus, wie es so viele Stimmen im Westen behaupten. Stattdessen ist das Land in einem Stadium erstarrt, das ich "Leninistischen Korporatismus" nenne. Dieser Zustand ist instabil, ungeheuerlich ineffizient, extrem ungerecht und langfristig nicht aufrechtzuerhalten.

Leninistisch ist, dass die Partei nach wie vor dem Diktum folgt, sie besitze ein Monopol über die Bestimmung der Politik und die Kontrolle der Gesellschaft. Korporatistisch ist, dass der Rahmen für jede wirtschaftliche Aktivität zentral gesetzt wird. "Die Partei", sagt Präsident Hu Jintao, "besetzt die Schlüsselposition und koordiniert jeden Wirtschaftssektor." Davon gibt es 57, von strategisch wichtigen wie Stahl und Energie bis zu weniger essenziellen wie der Verpackungsindustrie oder dem Friseurgewerbe. Dort kommt niemand an der Partei vorbei.

Grundsätzlich gilt freilich, dass ein Unternehmen umso weniger produktiv operieren kann, je mehr sich die Politik einmischt. Deswegen hat sich die Leistung der staatseigenen Betriebe, die zwei Drittel des Industrievermögens kontrollieren, auch nach 20 Jahren ständiger Reformen kaum verbessert. Sie sind unprofitabel und stehen finanziell am Rande des Ruins. Etwa ein Drittel aller chinesischen Angestellten ist überflüssig. Es gibt glaubwürdige Schätzungen, nach denen eine winzige Zinserhöhung oder ein minimaler Einbruch der Nachfrage dazu führte, dass die Chinesen 40 bis 60 Prozent ihrer Schulden nicht mehr bedienen könnten. Das gesamte chinesische Bankensystem wäre damit bankrott.

Unterm Strich blicken wir hier auf eine Volkswirtschaft mit fundamentalen Schwächen. Ungeachtet all der beeindruckenden Wachstumszahlen bleibt China ein innovationsarmes Land. Die Hälfte aller chinesischen Patente wird von ausländischen Firmen angemeldet, die fast für den gesamten Export im Technologiesektor verantwortlich sind. Für jeden zusätzlichen Dollar jährlicher Produktionsleistung muss China heute erst 5,4 Dollar investieren, viel mehr als Deutschland oder die USA. Noch vor 20 Jahren reichten vier Dollar für dasselbe Wachstum. Mit anderen Worten: Eine ineffiziente Volkswirtschaft hat noch an Effizienz verloren.

Es gibt einen Grund dafür, dass trotz des großen chinesischen Exporterfolges kein Mensch eine chinesische Marke mit globaler Strahlkraft kennt: Es gibt keine. Auf der Liste der 300 Unternehmen der Welt, die die größten Budgets für Forschung und Entwicklung haben, steht eine einzige chinesische Firma. Und obwohl auf der Forbes- Liste der der 500 weltgrößten Unternehmen 25 aus China zu finden sind – was angesichts der Tatsache, dass es sich hier um die viertgrößte Volkswirtschaft der Welt handelt, auch nicht gerade beeindruckt –, sind diese alle staatlich gelenkt. China hat nicht ein einziges privates Unternehmen von Weltrang hervorgebracht. So ist es nicht verwunderlich, dass mehr als drei Fünftel der chinesischen Exporte und fast der gesamte Export im Technologiesektor von ausländischen Firmen produziert werden.

In dieser Liste von Schwachpunkten ist nicht zu vergessen, dass China ein Fälscherparadies ist. Geistiges Eigentum wird hier kaum respektiert und nur selten geschützt. Zwischen 15 und 20 Prozent aller bekannten chinesischen Markenprodukte sind Fälschungen, und man kann annehmen, dass rund acht Prozent des Bruttoinlandsproduktes durch Kopien und Fälschungen verdient werden – ein aussagekräftiger Beweis für die chinesische Geschäftsstrategie und die Ineffizienz des Rechtssystems.