DIE ZEIT: Ihr Buch Die Jahre der Vernichtung ist für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Sparte Sachbuch nominiert worden. Hat Sie die Nachricht überrascht?

Saul Friedländer: Jede Nominierung überrascht mich, aber nach einer Weile habe ich mich daran gewöhnt und freue mich sehr.

ZEIT: Sie hatten im vergangenen Herbst Gelegenheit, Ihr Buch in verschiedenen deutschen Städten vorzustellen. Wie haben Sie die Reaktionen des Publikums erlebt?

Friedländer: Überraschend positiv. Ich hatte kritische Reaktionen erwartet, weil es kein Buch ist, das jemanden in Ruhe lassen kann, schon gar nicht in Deutschland. Doch es gab nur eine einzige unangenehme Wortmeldung – eine Stimme unter vielen Hunderten interessierten und aufgeschlossenen Besuchern.

ZEIT: Sie sind in Ihrem Werk in einer doppelten Rolle präsent: zum einen als professioneller Historiker und zum anderen als Überlebender des Holocaust. Haben Sie manchmal einen Konflikt zwischen beiden Rollen empfunden?

Friedländer: Von Anfang an. Ich arbeite an diesem Thema seit den frühen sechziger Jahren. Eines meiner ersten Bücher befasste sich kritisch mit Papst Pius XII. und der Haltung des Vatikans. Das war für mich nicht ganz einfach, denn schließlich war ich während des Krieges in einem katholischen Internat in Frankreich versteckt gewesen und habe so überleben können. Natürlich muss man gegen seine eigene Subjektivität angehen. Das gilt aber auch für die deutschen Historiker meiner Generation, die in der HJ oder in der NSDAP waren.

ZEIT: Wodurch unterscheidet sich Ihr Buch von anderen Darstellungen des Holocaust, etwa von Raul Hilbergs Pionierwerk Die Vernichtung der europäischen Juden?

Friedländer: Ich bin ein Bewunderer Hilbergs und habe das Buch gleich gelesen, als es 1961 herauskam. Doch Hilberg hat sich ganz auf die deutsche Vernichtungsmaschinerie konzentriert, und ich habe versucht, eine Gesamtdarstellung des Holocaust zu schreiben, in der nicht nur die Perspektive auf ganz Europa ausgeweitet wird, sondern auch die Stimmen der Opfer stärker zu Gehör gebracht werden, als dies bislang geschehen war.