ZEIT: Früher hat man angenommen, dass nur ein sehr kleiner Kreis von Eingeweihten über die Vernichtungslager Bescheid gewusst habe; neuerdings wird der Kreis der Wissenden sehr viel weiter gezogen. Wie weit reichte das Wissen um den Holocaust?

Friedländer: Sehr weit, in Osteuropa sowieso, aber auch in Zentraleuropa und vor allem in Deutschland, und das aus ganz einfachen Gründen: Die Leute sprachen darüber. Millionen Soldaten an der Ostfront schrieben nach Hause – ich zitiere sehr viele dieser Briefe, in denen von der grausamen Behandlung der Juden die Rede war. Soldatenzüge kreuzten sich mit Deportationszügen. Die Familienangehörigen der SS-Wachmannschaften sahen alles, und sie redeten, wenn sie nach Deutschland zurückfuhren. Der gesamte Umfang des Massenmords war vielleicht nur einer kleinen Gruppe klar, doch seit Ende 1942 wussten breite Schichten der deutschen Bevölkerung von der systematischen Vernichtung der Juden.

ZEIT: Sie kritisieren vor allem die Kirchen, die katholische wie die protestantische, weil sie sich zu keinem öffentlichen Protest aufschwingen konnten. Hätte ein solcher Protest überhaupt etwas bewirken, den Holocaust womöglich sogar aufhalten können?

Friedländer: Aufhalten wohl nicht. Aber nehmen wir das Beispiel Polen: ein tief katholisches Land. Hätte sich die polnische Kirche ganz klar geäußert, hätte das gewiss Eindruck gemacht, auch wenn die Bevölkerung tief antisemitisch war. In Deutschland wollte Bischof Preysing eine Erklärung, doch die Mehrheit der Bischöfe hat sich dagegen gewehrt, auch weil der Papst schwieg. Und bei den Protestanten war es im Großen und Ganzen nicht anders. Wäre eine öffentliche Erklärung gekommen, hätten sich die Leute zumindest mehr Gedanken gemacht und versucht, individuell zu helfen .

ZEIT: Sie verweisen allerdings auch darauf, dass es Einzelne gab, die geholfen haben.

Friedländer: Das ist es ja gerade. Einzelne waren manchmal sehr heroisch, soziale Gruppen und Institutionen nicht.

ZEIT: Werden Sie sich jetzt, nachdem Sie Ihr großes Werk vollendet haben, einem neuen Thema zuwenden?

Friedländer: Man kann sich diesem Thema nie ganz entziehen. Auch wenn ich nicht mehr darüber schreibe, werde ich doch viel lesen. Es erscheinen ja immer neue Bücher. Aber ich will jetzt eine andere, kleinere Arbeit versuchen: ein Buch über Franz Kafka. Er hat in der Stadt gelebt, in der ich meine frühe Kindheit verbracht habe, in Prag.

Das Gespräch führte Volker Ullrich

Saul Friedländer
wurde 1932 in Prag als Kind deutschsprachiger Juden geboren. Seine Eltern wurden 1942 aus Vichy-Frankreich deportiert und ermordet; er selbst überlebte in einem katholischen Internat. Heute zählt der israelische Historiker, der vorwiegend in Los Angeles lebt und lehrt, zu den international bedeutendsten Holocaust-Forschern. 

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