Joe Cashin ist zermürbt. Eigentlich will er nur noch zweierlei: das beinahe vollständig zerstörte Haus wiederaufbauen, das er geerbt hat, und niemanden seine Schmerzen merken lassen. Cashin ist nach einer Schießerei, in der sein junger Partner umkam, von der Mordkommission in Melbourne beurlaubt. Als Dienststellenleiter von Port Monro, vier Beamte, soll er wieder zu Kräften kommen. Ein Rekonvaleszent, der die Erfahrung gemacht hat: "Das Leben war Schwäche, Stärke war die Ausnahme." Der Schmerz überdeckt lange die Wut, die nach und nach in ihm aufkommt.

Cashin ist kein Held und auch kein Antiheld. Peter Temple hat dem Protagonisten seines Romans Kalter August (aus dem Englischen von Hans M. Herzog; C. Bertelsmann, München 2007; 444 S., 19,95 €) und dem Roman selbst jede Dramatisierung und Heroisierung erspart. Mit knappen Strichen hat Temple den Fall geerdet. Nichts weist darauf hin, dass in Port Monro noch etwas Außergewöhnliches passieren könnte, nachdem vor Jahrzehnten die Generatorenfabrik aufgekauft und geschlossen wurde. Cashins Restenergie geht auf in Hausbau, Spaziergängen mit den Pudeln und Gesprächen mit einem Wanderarbeiter. Die Welt ist, wie sie ist. "Der Sommer war vorbei, der lange kalte Frieden hatte die Stadt erfasst."

Business wie überall: Ein Immobilienprojekt soll der von Arbeitslosigkeit gebeutelten Stadt 250 Arbeitsplätze bringen, gegen die Zerstörung der unberührten Küste rührt sich Protest. Ein alter reicher Mann, der Philanthrop Bourgoyne, wird schwer verwundet, mit Schnittspuren auf dem nackten Rücken, in seiner Villa aufgefunden. Er stirbt, dann taucht seine wertvolle Uhr auf, schnell sind die üblichen Verdächtigen gefasst und tot: erst zwei, dann drei jugendliche Aborigines.

Cashin ist kein Idiot, und doch dauert es lange, bis er dem rassistischen Dorfcop misstraut, bis er beginnt, die verschlampten Spuren erneut zu untersuchen. Sie verweisen auf etwas anderes als einen Raubüberfall durch Aborigines, aber worauf? Einmal fragt ihn der ehemalige Zahnarzt, der jetzt einen Coffeeshop betreibt: "Ist Ihnen schon mal in den Sinn gekommen, dass unser Leben sich so abspielt wie die Geschichten, die Kinder einem erzählen? Erst heißt es und dann, und dann, doch irgendwann geht ihnen die Puste aus und sie enden einfach." So vorgeblich schlicht hat auch Peter Temple seine Erzählung getarnt. Ohne Brüche, kaum merklich, führt er Cashin und den Fall immer tiefer hinein in die Vergangenheit, in das vertuschte, jetzt wieder aufgebrochene Höllenregiment einer mörderischen Familie, der – fast – alle zu Willen waren. Am Ende, als alles herausgekommen und doch nichts vorbei ist, konstatiert Cashin: "Aus Krankem wächst Krankes."

Es ist ein erschreckendes, faszinierendes, abstoßendes Bild, das aus den knappen, entschlackten Sätzen entsteht. Der kalte, schlammige, neblige Winter und die zerbröckelte Küste von Port Monro (nach dem das Original The Broken Shore heißt) sind keine Metaphern. In der gehämmerten Prosa Temples werden Kälte und Schroffheit als naturhafter Zustand, als Krankenbild Australiens kenntlich. Seine Genauigkeit der Beobachtung, die Exaktheit seiner Dialoge, die Selbstverständlichkeit, mit der sich aus einem Hinweis unerwartet der nächste ergibt, fesseln durch Konkretion. Nur manchmal, wenn die Hunde jagdlustig aufbellen oder die beiden Männer auf ihrer Baustelle werkeln, verspürt Cashin vorübergehend keinen Schmerz. 2006 wurde Kalter August in Australien als bester Krimi, als bester Roman und als bestes Buch über Australien ausgezeichnet. Seit März steht er auch auf der KrimiWelt-Bestenliste der zehn besten Krimis des Monats. Temple ist uns zu lange vorenthalten worden.