Ein Kolumnist, der schon betagt war, aber, seiner Ansicht nach, immer noch rüstig und auf den Quivive, schrieb viele Jahre lang eine Kolumne. Er schrieb sie in einem Ressort einer Wochenzeitung, das intern als "für junge Leute gemacht" galt. Manchmal sah er die Redakteure, Menschen in der Blüte ihrer Jahre, in einigen Fällen nicht einmal dies, da hätte der Kolumnist eher von einer "Knospe" als einer "Blüte" gesprochen. Ich könnte der Vater dieser munteren Schar sein, dachte der alte Kolumnist gutmütig, heimlich in seinen Bart hineinschmunzelnd und seiner eigenen, verwegenen Jugendjahre gedenkend, und wer weiß, vielleicht bin ich es in einigen Fällen sogar.

Die Leser schienen zu mögen, was er tat, wenigstens ausreichend viele von ihnen, um in den kraftstrotzenden, prächtigen jungen Redakteuren den Gedanken nicht aufkommen zu lassen, den manchmal schon ein wenig verwirrten Kolumnisten vom Tisch zu scheuchen, ihn auf das Ofenbänklein zu tun und ihm ein Holzschüsselchen in die Hand zu drücken wie dem Alten im Märchen. Er schrieb über die kleinen Niederlagen des Lebens und über die großen Verbrechen der Geschichte, über die Wunder des Alltags und die Wunden der Liebe, immer öfter aber schrieb er über den Verfall seines Körpers, und wenn er sich im Spiegel besah, das faltig-faulige Fleisch, die gelben, sich rollenden Fußnägel, die langsam hinabrieselnden Haare und Zähne, dann wurde dem guten Alten gar nicht weh oder bang, denn er sah nicht Verfall, er sah einen Stoff, neues literarisches Leben, wie es aus der Ruine seines Körpers spross.

Wegen eines Schmerzes in der Schulter konnte er den rechten Arm nicht mehr heben. Eines Tages schrieb er über sein Schulterproblem.

Nie zuvor hatte er so viele Briefe bekommen – in all den Jahren! Nun habe ich über das Erdbeben in Lissabon geschrieben, dachte der Kolumnist, über den Fall von Konstantinopel und die Affäre Mata Hari, nichts davon scheint die Menschen so zu bewegen wie ein Schulterproblem. Die Menschen? Nein, fast ausschließlich waren es Männer zwischen 60 und 90 Jahren, die schrieben, alle mit Schulterproblemen und Ratschlägen. So lernte der alte Kolumnist noch einmal einen neuen Blick auf die Welt. Nicht nur, dass der "für die Jugend gemachte" Teil der Zeitung in Wahrheit von Tausenden älterer Herren gelesen wurde, wie er selbst einer war, es gehörte insgeheim das Schulterproblem zum Lebenslauf des Mannes gerade so wie das Rückenproblem, da draußen stand ein Millionenheer der Schulterkranken und pochte, mit dem etwas besseren Arm, mühsam an die Tür. Die SPD müsste Schulterkrankenpartei Deutschlands heißen, dann gings mit ihr bergauf, dachte der Kolumnist, unter Schmerzen schmunzelnd. Ich müsste, wie andere Kolumnisten immer mit ihrem Kühlschrank reden, immer wieder das Schulterthema spielen, sprachs und ging zu Kristina, seiner Krankengymnastin, die groß und breitschultrig war wie die meisten wichtigen Frauen seines Lebens und die jetzt wie ein stählerner Quirl in den mürben Teig seiner Schulter hineinfahren würde, eine leichte Tendenz zur Besserung bewirkend.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "