Die Meeresbewohner sehen lecker aus, die Hummer, die Thunfische, Snapper. Ihr festes, frisches Fleisch, das den Fischern erst vor Stunden ins Netz gegangen ist und jetzt statt im Indischen Ozean in einer Currysauce schwimmt. Es ist halb sieben am Abend auf Kurumba Island, Malediven. Die in den Palmen aufgehängten Lichterketten strahlen, das Buffet ist eröffnet. Aus Nordost streicht ein linder, feuchter Wind über das Fleckchen Sand im Nord-Male-Atoll. Die Sonne ist längst untergegangen über den Bungalows und Suiten, über der Beachbar und dem Spa. Im Restaurant laden die Gäste die Teller voll.

Jetzt ist die richtige Zeit. Die Zeit, wenn sich unten am Riff die kleinen Fische verstecken und die großen Räuber aus den Tiefen aufsteigen. Es ist die Zeit, wenn die Muränen gierig aus ihren Höhlen kommen, die Papageifische ihre Tarnschlafsäcke aus Schleim aufblasen, die Haarsterne ihre Fangarme entfalten und das Tychoplankton in unermesslichen Wolken emporschwebt. Fresszeit. Wer das wahre Leben der Malediven sehen will, sollte den toten Fisch auf den Tellern anderen überlassen. Der muss jetzt hinab.

Es sind nur wenige Meter über den warmen Korallensand bis zum Strand.

Ein kleiner Steg führt hinaus, wie ein Sprungbrett in die Schwärze.

Dahinter liegt das Nachtmeer. Mohamed Seeneen ist 29 Jahre alt, schlank, sehnig, mit einer Erfahrung von zweitausend Tauchgängen. Er überprüft noch einmal den Lungenautomaten, den Druckanzeiger, den Rest der Ausrüstung. " Ich tauche gerne nachts", sagt er und lächelt. " In der Dunkelheit des Meeres liegt eine große Ruhe, es ist seltsam, aber du kannst es spüren."

"Wenn die Rochen zu nahe kommen, schubse sie vorsichtig weg"

Es ist kurz vor sieben, als das Boot mit zwölf Knoten Richtung Osten hinausfährt, ein stetiges Klatschen gegen die Wellen, ein Ritt durch die Lichtlosigkeit, nur die Positionslampen glimmen. Warme Gischt fliegt über das Deck wie ein Vorbote. Nach zwanzig Minuten stoppt das Boot über Maaghiri Thila, einem Riff, das aus dreißig Metern bis auf zehn Meter unter der Oberfläche ansteigt.

"Wenn du zwei kleine rote Punkte im Schein deiner Lampe erkennst, sind es die Augen von Kleinfischen, Krebsen, Shrimps. Wenn es zwei grün reflektierende Punkte sind, sind es Rochen oder Haie." Das sagt Seeneen noch, rückt die Maske zurecht, fragt, ob alles okay ist. " Wenn die Rochen zu nahe herankommen, kannst du sie mit der Lampe vorsichtig wegschubsen. Aber vermeide jede hektische Bewegung." Dann setzt er das Mundstück an und lässt sich vom Bordrand rückwärts ins Wasser fallen.

Das tropische Meer fühlt sich nachts anders an als am Tage. Eine dunkle, geschmeidige Flüssigkeit, die einen umhüllt, weich und mild wie die lauwarme Luft. Beim Treiben an der Oberfläche dringen die Lichtsäulen der beiden Taucherlampen wie Laserschwerter in die Tiefe.

Milliarden Schwebeteilchen Zooplankton, Phytoplankton, Kleinstkrebse und Fischexkremente ziehen einen Schleier durch das erhellte Wasser.

Nach vier, fünf Metern verliert sich der Strahl. Darunter ist alles schwarz.

Dann der Sinkflug. Aus der Tarierweste entweicht die Luft, ein hohles Blubbern, der Tiefenmesser zeigt schnell vier Meter, dann fünf, dann sechs, acht, neun, zehn. Wir reisen durch einen Kosmos ohne Sterne.