Es fängt ganz ruhig an. Einhundert,vielleicht zweihundert Menschen stehen Samstagnachmittag an Gleis eins des Berliner Ostbahnhofs und warten auf den Zug. Sie tragen dicke Mäntel aus Pelz oder Lammfell, auf ihren Köpfen thronen riesige tortenförmige Nerzkappen und Angorahüte in den unglaublichsten Farben. Ein paar der Männer rauchen, andere machen Fotos. Die meisten stehen einfach da ohne das leiseste Anzeichen von Unruhe im Gesicht. Nur ich, so scheint es, bin nervös. Ziemlich nervös sogar. Meine Eisenbahnreisen dauern gewöhnlich nicht länger als ein paar Stunden und führen meistens in Städte, die ich gut kenne. Der Zug, den ich gleich besteigen werde, aber führt in eine andere Welt. Er wird drei Staatsgrenzen, vier Klima- und fünf Zeitzonen passieren, um nach fünf Tagen und Nächten, also 90 bis 100 Stunden, in den eisklirrenden Bahnhof der sibirischen Großstadt Nowosibirsk einzulaufen, wo papageienbunte Angorahüte wahrscheinlich gerade in Mode sind. Es ist die längste Strecke, die man in einem deutschen Reisebüro buchen kann, und die einzige direkte Verbindung zwischen Westeuropa und Asien. Selbst mein Vater, der nie mit der Bahn fährt und Russland für ein gemeingefährliches Entwicklungsland hält, bekam leuchtende Augen, als ich ihm davon erzählte. Russische Züge sind ein Mythos. Man glaubt darin Bildern hinterherjagen zu können, die man schon lange im Kopf hat. Und natürlich glaube ich das auch.

Dann stehe ich plötzlich in einem Waggon aus dem Jahr 1979 und weiß nicht, wohin ich treten soll. Alles ist voll mit Koffern, Taschen und Kartons, die mit durchsichtiger Plastikfolie am Bersten gehindert werden. Männer wuchten Gepäck durch die Abteiltüren, Frauen erteilen ihnen verzweifelt Kommandos, oder sie rufen gleich den Herrgott an, damit wenigstens der ihnen hilft. "Machen Sie sich keine Sorgen", sagt die Schaffnerin immer wieder. "Wir finden schon einen Platz." Meinen Koffer verstaut sie vorläufig in der Bordküche.

Draußen fegt der Regen die letzten schwarzen Blätter von den Bäumen. Häuser, Wälder und Felder verschwimmen im trüben Nachmittagslicht. In der Bordküche nimmt ein Mann, der sich später als der Schaffner erweisen wird, einen kräftigen Schluck aus einer Flasche. Hinter Frankfurt (Oder) zeigt er mir das Abteil, das ich die nächsten fünf Tage mit einer anderen Frau teilen werde. Walentina. Sie ist Mitte 50 und wirkt erschöpft. Reglos liegen ihre kräftigen Hände auf ihren Schenkeln, nur die Augen wandern unruhig durch den winzig kleinen, mit blauem Teppich ausgeschlagenen Raum. Die Cousine, bei der sie den letzten Monat zu Besuch war, hat ihr zum Abschied einen Friseurbesuch bezahlt. Strähnchen in Farben der deutschen Nationalflagge.

Deutschland sei ein gutes Land, sagt Walentina. Straßen, so sauber, dass man davon essen könne, Rentner, denen es so gut gehe, dass sie es sich leisten könnten, den ganzen Tag am Fenster zu hängen. Und die Ordnung. Der Mann ihrer Potsdamer Cousine hat ihr erzählt, dass in Deutschland sogar die Höhe der Gartenhecken durch ein Gesetz festgeschrieben würde. Sie betrachtet kopfschüttelnd den Regen, der in immer dickeren Rinnsalen die Scheiben runterläuft. Ich kenne dieses Gesetz nicht, frage mich aber, ob ich in diesem Zug vielleicht genauso fremd wirke wie die russischen Passagiere heute Nachmittag auf dem Bahnhof. Der Schaffner erkundigt sich ständig, ob mit mir alles in Ordnung ist, ein älterer Herr lugt verstohlen durch unsere Abteiltür. Als ich versuche, die Fenster zu öffnen, muss er grinsen. Die Fenster gehen bei Waggons dieses Baujahrs nämlich nie auf. Hätte er gesehen, dass ich mein Wasser im Kühlschrank deponiert habe, wäre er wohl in schallendes Gelächter ausgebrochen. Der Kühlschrank funktioniert bis Sibirien nämlich wie eine Heizung. Nur weiß ich das noch nicht. Und ich werde auch nie herausbekommen, wie man aus dem Schlauch, der in den Waschräumen über den Becken hängt, eine Dusche macht.

Als die polnischen Zöllner sich hinter Posen zu unserem Abteil durchgekämpft haben, bin ich die Einzige, die noch Straßenkleidung trägt. Alle anderen haben sich längst umgezogen. Sobald die Formalitäten erledigt sind, fängt im russischen Nachtzug die Nacht an. Die meisten Frauen sind in bunte Kittelschürzen oder wild gemusterte Bademäntel geschlüpft. Der alte Herr hat seinen gut sitzenden, marmorierten Anzug gegen eine dunkelblaue Sporthose und einen marineblauen Kragenpulli getauscht. Die beiden Studenten vom Baikalsee, mit denen er die Kabine teilt, werden bis Mittwoch in den Trainingsanzügen der ukrainischen Nationalmannschaft herumlaufen. Sie sind mit Abstand die Jüngsten im Waggon. Hinter Posen setzen sie Kopfhörer auf und wippen die nächsten Tage mit den Köpfen. Die anderen kommen langsam ins Gespräch.

Vor fünf Jahren, als dieser Zug eingesetzt wurde, seien ganze Familien damit nach Deutschland ausgewandert, sagt die Schaffnerin. Es war damals ein Zug der Träume. Heute sitzen darin die Verwandten der damals Ausgewanderten. Und zumindest am ersten Tag ist es ein Zug der Aufschneider. Von Bungalows mit zwei Westautos vor der Tür ist die Rede, von riesigen Arztpraxen, lebenslangen Anstellungen und Enkeln, die mindestens dreisprachig aufwachsen. Walentina versucht einer älteren Dame aus dem Altaigebirge sogar weiszumachen, im Garten ihrer Potsdamer Cousine blühten das ganze Jahr über die Mandelbäume. "Passport", verlangt einer der polnischen Zöllner. Die alte Dame hebt ungerührt die Schultern. Mandelbäume habe in Deutschland doch jeder. Dann wird es still.

Mit den polnischen Zöllnern haben hier im Zug alle ihre Erfahrungen gemacht. In der Gegenrichtung bewachen sie die Außengrenze der EU und nehmen diesen Job offenbar sehr ernst. Koffer werden aufgerissen, Visa so gründlich geprüft, dass man denken könnte, es wären Einwanderungsanträge. Die alte Dame, die sich nichts aus Mandelbäumen macht, musste ihren gesamten Proviant in den Müll werfen, weil der Import von russischer Wurst seit 2004 verboten ist. Seither sind alle "Polacken" für sie Unmenschen. In die Verachtung, mit der sie ihnen begegnet, mischt sich die Angst, sie könnten es schon wieder auf ihre Vorräte abgesehen haben. Doch die Polen sind nett, stempeln schnell die Pässe und machen, dass sie wieder rauskommen. "Es gibt eben in allen Nationen gute Leute", findet Walentina. Nachdem ihr eine weißrussische Zöllnerin diese Nacht beinahe 70 Euro abknöpfte, wird sie ihr Urteil allerdings revidieren. Ab Sonntagmorgen sind für sie alle Weißrussen Verbrecher.