Berger: Ja, denn Broda hat das Recht nicht nur als technisches Instrument zur Konfliktregelung gesehen. Er sah es als soziales Gestaltungsinstrument. Gesetze sollten auch die soziale Funktion aufweisen, den Schwächeren zu schützen. Das galt besonders auch für das Strafrecht.

ZEIT: Er träumte von der gefängnislosen Gesellschaft. Sie jedoch nicht.

Berger: Gefängnisse werden wir immer brauchen, aber wir brauchen nicht so viele Gefangene. Die Haftzahl ist ja kein Naturgesetz. Wir müssen vielmehr die sozialen Gründe betrachten, die einen Mensch zum Kriminellen machen. Es ist kein Zufall, dass Opfer von Misshandlungen in der Familie später selbst oft zu Tätern werden. Es gibt auch einen typischen Karriereverlauf straffällig gewordener Jugendlicher: Probleme im Elternhaus, zu wenig Aufmerksamkeit und Förderung in der Schule, Arbeitslosigkeit, Abgleiten in die Kriminalität. Das ist eine ganz klassischer Karriere, in die der Staat eingreifen kann, ehe er zur letzten Sanktion, der Strafe, greift.

ZEIT: Sie haben vergangene Woche angekündigt, die Haftzahlen dramatisch zu senken. Warum ist das notwendig?

Berger: Die Resozialisierung funktioniert aufgrund der Überbelastung der Gefängnisse nicht mehr. Es sitzen viele Menschen in Haft, die wir dort nicht brauchen, die nur Geld kosten und so die Resozialisierung der anderen Häftlinge unmöglich machen. Sie sollen das Land verlassen, wenn sie hier nicht aufenthaltsverfestigt sind, oder eine gemeinnützige Arbeit leisten – damit ist der Gesellschaft mehr gedient. Wir müssen vom reinen Verwahrungsvollzug wieder zum Betreuungsvollzug kommen. Außerdem will ich ein modernes Jugendgericht errichten. Diese Institution zu schließen war eine fatale Entscheidung der blau-schwarzen Koalition, deren Folgen heute bitter zu spüren sind – die Misshandlungsfälle unter jugendlichen Häftlingen steigen. Es gibt Vergewaltigungen in den Zellen und eine enorme Platznot.

ZEIT: Im steirischen Leoben wurde ein Vorzeigegefängnis gebaut, das für viele wie ein schickes Designerhotel aussieht: Es gibt Glas, Chrom, Loggien und moderne Möbel. Wie erklären Sie dem Volk diesen Luxus für Kriminelle?

Berger: Zunächst dürfen wir eines nicht vergessen: Die Menschen dort sind nicht frei. Eine Strafanstalt kann noch so »schick« aussehen, der Verlust der Freiheit ist für einen Menschen in jedem Fall eine harte Strafe. Für die Resozialisierung und somit für den Schutz der Bevölkerung ist es aber auch wichtig, dass sich die Gefangenen nicht wie der letzte Dreck fühlen. Das wurde ihnen ja oft ein ganzes Leben lang bedeutet, sonst wären die meisten gar nicht im Gefängnis gelandet. Um das Selbstwertgefühl dieser Menschen zu heben, braucht es daher eine ansprechende Umgebung und nicht irgendeine alte Kaserne, wo Menschen in Schlafsälen weggesperrt werden. Moderne Architektur muss übrigens auch nicht teurer sein als schlechte Architektur – ganz im Gegenteil.

ZEIT: Eines ist erstaunlich. Sie erklärten in einem Ihrer ersten Interviews, die niedrigen Strafen für Körperverletzungsdelikte anheben zu wollen. Das wird noch mehr Häftlinge produzieren.

Berger: Nicht unbedingt, denn mein Ansatz ist ein anderer: Ich will von den kurzen Haftstrafen wegkommen, weil sie nur Nachteile bringen. Zurzeit verbüßen ja etwa 60 Prozent der Häftlinge kurze Strafen. Sie reißen die Menschen aus ihrem sozialen Leben, sie stigmatisieren sie, aber sie wirken nicht abschreckend. Solche kurzen Strafen müssen durch gemeinnützige Arbeit ersetzt werden. Es wird zu oft eingesperrt.

ZEIT: Auch die Drogenkranken überfüllen die Gefängnisse. Sie klauen Geld, um ihre Sucht zu finanzieren. Sogar in konservativ regierten deutschen Bundesländern bekommen schwer kranke Drogensüchtige ihr Heroin auf Krankenschein. Ein Weg für Österreich?

Berger: Unter starker Aufsicht ist das durchaus vorstellbar. Doch solche Projekte müssen immer medizinisch und sozial begleitet sein – und sie müssen stets mit dem Ziel des Entzuges verbunden sein. Den Leuten einfach den Stoff in die Hand zu drücken, das kann es nicht sein.