Tirupati ist ein Ort für die Götter. Majestätisch thronen über der Ebene aus Reisfeldern und Mangoplantagen im indischen Bundesstaat Andrah Pradesh rostrote Kliffs und darauf das Heiligtum des Shri Venkateshwara. In Haarnadelkurven winden sich Busse empor zum reichsten Tempelkomplex des Landes; für andere Pilger ist der steile Fußmarsch schon Teil ihrer spirituellen Reise zu dieser Inkarnation des Gottes Vishnu. Von seiner bunt geschmückten Statue heißt es, in ihr habe sich "Balaji", so ein weiterer der vielen Namen für die gleiche Gottheit, manifestiert.

Männer in weißen Dhotis, Frauen in goldgesäumten Saris, Kinder in ihren besten T-Shirts und Greise an Stöcken schieben sich durch Gassen, in denen Händler Gebackenes und Räucherstäbchen feilbieten, religiöse Disketten und CDs. Am Eingang des außen ungewöhnlich nüchternen, riesigen Tempels geben die Gläubigen Schuhe und Handys ab und reihen sich in die Warteschlange ein. Nur wer Einfluss hat oder viel spendet, kommt durch einen "VIP-Eingang" bevorzugt an die Reihe. Die Übrigen drängen sich stunden-, manchmal tagelang im vergitterten Zugang dem Allerheiligsten entgegen.

Mittendrin die junge Softwareingenieurin Nahnun. Sie hoffe, sagt sie schüchtern, auf eine glückliche Ehe – und einen besser bezahlten Job. Aber auch ohne solche konkreten Wünsche drängt es sie zum Darshan, der ekstatischen Nähe im Angesicht des "mächtigsten Gottes". Seit früher Kindheit kommt sie jedes Jahr hierher.

So wie Karthik, der mit der Großfamilie im Nachtzug von Vijayawada hergereist ist. Gleich für drei Tage, alle zusammen schlafen in einer kleinen Pilgerhütte. Auch zu Hause wird jeden Morgen zu Balaji gebetet. "Und zum Sai Baba", erzählt Karthik, "den Ashram des Gurus besuchen wir auch jedes Jahr." Wie viele Pilger hat sich der aufgeweckte 13-Jährige am Eingang das "unreine" Haar scheren lassen. "Ein Opfer", sagt der Sohn eines Bahnbeamten. "Aber meine Mutter meint, Rasur und Meditation seien auch gut für die Konzentration. Damit ich erstklassige Noten kriege und Weltraumforscher werden kann."

Hightech und tief im Alltag verankerte Rituale, Multitheismus und moderne Märkte: Für viele Europäer passen diese Seiten der indischen Gesellschaft nicht recht zusammen. Sie wundern sich über eine Nation, in deren Hauptstadt Neu Delhi freche Primaten sich zu Tausenden vermehren, weil man sie aus Ehrfurcht vor dem Affengott Hanuman nur begrenzt bekämpfen will; wo Fluggesellschaften mit Mantren werben und nukleartaugliche Raketen den Namen der Feuergöttin Agni tragen. Inder sind umgekehrt befremdet von diesem Befremden. Sie fragen wie der Sozialwissenschaftler Ashis Nandy: "Wo ist der Widerspruch"?

Im Staunen der Europäer hallen Klischees aus dem letzten Jahrhundert nach. So wurde, von Hermann Hesse bis zu den Beatles, die indische Spiritualität im Westen oft romantisch aufgeladen; bis heute scheint darin kein Platz für Mammon und Konsum. Das auf einmal nur noch boomende Indien ist dann das ebenso einseitige Gegenklischee. Zudem prägen unterschwellig noch immer die Gedanken des Soziologen Max Weber die Einschätzung des Hinduismus: Die protestantische Ethik begünstige das Sparen und damit die kapitalistische Akkumulation. Die weltflüchtige hinduistische Askese hingegen habe zusammen mit dem gleichmütigen Karmadenken Indiens wirtschaftlichen Fortschritt gebremst.