Dem Hinduismus wird von seinen westlichen Kritikern gern zum Vorwurf gemacht, dass er eine systemstabilisierende, ganz und gar unrevolutionäre Religion sei. Die Reise des Menschen ist lang im Hinduismus, sie führt von Wiedergeburt zu Wiedergeburt. Ungeduld oder Aufsässigkeit bringen da gar nichts. Der Weg durchs göttliche Universum funktioniert wie eine Angestelltenkarriere in einer großen Firma, in der man, je nach Einsatz, Fleiß, guten Beziehungen und persönlichen Verdiensten, befördert oder zurückgestuft wird. Man dient sich hoch, Richtung Erlösung. Wer als Brahmane wiedergeboren wird, hat es sozusagen in den Konzernvorstand geschafft. Wer religiös total versagt, wird strafversetzt zu den Ameisen.

Revolutionäre Welteroberungsreligionen gab und gibt es genug. Dass wenigstens der Hinduismus eher selten politische Gewalt auslöst, sollte man ihm also nicht negativ ankreiden. Die religiöse Vermutung, dass es sich bei jeder Grille und jedem Gockelhahn um die Reinkarnation eines Verwandten oder eines lieben Freundes handeln könnte, impft den Hindu außerdem mit einem ökologisch vorbildlichen Respekt vor der Schöpfung und einem starken Hang zum Vegetariertum. Tierschutz ist immer Menschenschutz!

Was die Zahl der Götter betrifft, halten die Hindus unter den großen Religionen wahrscheinlich den Weltrekord. Die Hindugötter sind so konkret, mit ihrem Charakter, mit ihrem Äußeren, dass sie einem christlich geprägten Beobachter wie eine Verdoppelung der Menschenwelt vorkommen müssen, das heißt, mehr als bei anderen Religionen, wie eine naive Ausgeburt menschlicher Fantasie. Ganesha, der mit dem Elefantenkopf, Gott unter anderem der Klugheit, besitzt vier Hände und nascht gern, deswegen hat er einen dicken Bauch. Krishna, der Sinnenfrohe, Unersättliche, hat 16108 Jungfrauen geheiratet. Manchmal schlüpfen Götter in die Haut eines Menschen, sprechen mit seiner Zunge und wirken Wunder mit seiner Hand. Sollten die Götter den Menschen, mit ihren Fehlern und Leidenschaften, wirklich so ähnlich sein? Warum sie dann anbeten? Warum zeigen sie sich dann nicht? Sind die Götter schüchtern? Bei Krishna kann man sich das wirklich nicht vorstellen.

Unsere Vorstellung von göttlicher Perfektion hat vielleicht damit zu tun, dass bei der Entstehung der christlichen Religion die Menschen bereits selbstbewusster waren und anspruchsvoller, was die Idee ihres eigenen Ursprungs betrifft. Der Herr der Christen hält Distanz zum irdischen Kleinkram. Die Götter der Hindus gleichen für uns deshalb eher Geistern aus einer Parallelwelt, sie haben selbst etwas Unerlöstes. Denn Götter, die den Menschen so nahe sind, dass sie sich von ihnen mit Opfergaben füttern lassen und sie sexuell begehren, müssten unter ihrem Gottsein ja leiden, ausgesperrt von einer Welt, für deren Genüsse sie durchaus empfänglich sind.

Wer richtig lebt, wird also im nächsten Leben befördert. Er oder sie gelangt in eine höhere Kaste. Schade nur, dass die meisten Menschen ihr früheres Leben komplett vergessen. Sie werden belohnt oder bestraft, aber wissen nicht, wofür – ein riesiger pädagogischer Aufwand, der zu nichts führt. Die Welt könnte, nach und nach, perfekt werden, wenn die Menschen lernen und sich erinnern dürften. Aber die Götter wollen dies offenbar nicht. So wissen die Menschen lediglich, dass alle Hierarchie auf Erden gerecht ist und göttlichem Willen entspricht. Wahrlich, wahrlich, der Erfinder des Hinduismus könnte ein Firmenchef sein. Harald Martenstein