Nicht jeder weiß, wie man eine Nachtigall von ihrer Liebe zur Rose heilt oder warum die Eule ihre Ruinen nicht aufgibt und das Rebhuhn am Gebirge hängt. Fest steht nur, dass allen Vögeln etwas Göttliches zu eigen ist, und wenn es auch nur aus der Erinnerung an den unsterblichen Simurgh besteht, den Urvater, der bekanntlich im Baum des Wissens nistete.

Der Perser Farid al Din Attar hat uns im 13. Jahrhundert die Geschichte erzählt, wie dieses Tier in China eine wunderbare Feder herabgleiten ließ, die alle Vögel des Landes dazu brachte, über sich selbst nachzudenken. China war jenes Reich, in dem Kaiser und Untertan mindestens ein Vergnügen verband: die Liebe zu den Vögeln. Zu Ziervögeln und Singvögeln, zu Kampfvögeln und Spielvögeln. Und all dem wunderbaren Zubehör im Diminutiv, den Näpfchen, Leiterchen, Fesselchen. Wie der chinesische Garten einen Vorgeschmack auf das Paradies gab, so vermittelte das Geschehen um den Käfig den Kosmos im Kleinen.

Zu diesem Thema ist bislang in der Literatur recht wenig zu finden gewesen, für den chinesischen Gelehrten war der Vogel meist nur dann ein Objekt der Aufmerksamkeit, wenn er in der klassischen Dichtkunst bedeutungsvoll als Kranich, als Wildgans oder als Sperling auftauchte, was nicht selten war. Doch die Erzählung der Alltagsfreuden und Alltagssorgen, die das Pflegen, Ernähren oder Erziehen dieser Lebewesen mit sich bringt, blieb weitgehend dem Volksmund überlassen, den Liebhabern, den Händlern – und jenem Typus von Zeitgenossen, den es in Peking gab wie in andern großen Metropolen, dem Flaneur.

In diese Tradition des aufmerksamen Flaneurs dürfen wir auch den Autor von Kernbeißer und Kreuzschnäbel einreihen, Rainer Kloubert, einen studierten Sinologen, dem das oft eher entbehrungsreiche Handelsgeschäft in Peking erfreulich viel Zeit ließ, sich einer der wahren großen Leidenschaften der Bewohner der Hauptstadt anzunehmen. Kloubert berichtet, mal anekdotisch, mal vernarrt, in Ansätzen auch enzyklopädisch, von den vielen Facetten dieser Kultur, von Lerchen, Sumpfmeisen und Drosseln und ihrer so schwierigen Erziehung, von der Kunst des schönen gefiederten Scheins und des makellosen Gesangs, von gewitzten Händlern und seltenen Volieren.

Peking, das beklagen viele Kenner der Stadt nicht ohne Grund, hat nicht mehr viele Gesichter. Mit diesem Buch als Führer entdeckt der Besucher eine wunderbare neue Welt, sie ist klein, beweglich und hat unendlich viel zu erzählen. Tilman Spengler