Um Reisereportagen zu schreiben, war ich schon auf Madeira, vor Spitzbergen, in Krakau oder unterwegs nach Chattanooga, Tennessee, und kann somit sagen: Ein Ziel wie Ainring-Mitterfelden hatte ich noch nie.

Die aus 57 Ortsteilen zusammengestoppelte Gemeinde liegt wenige Kilometer von der österreichischen Grenze entfernt; wer von weit her kommt, kann mit dem Flugzeug in Salzburg landen und in ein Mietauto umsteigen. Ainring ist ein letzter Zipfel Oberbayerns – zu erreichen über eine Landstraße, vorbei an einer weiträumig ausgeschilderten Müllumladestation und üppigen Kreisverkehren. Gleich jenseits des großen Penny-Marktes findet sich das Gewerbegebiet Mitterfelden, durch das sich ein Weg zieht, der treffend Industriestraße heißt.

Vorn grüßt ein Mitsubishi-Händler, es folgen ein Sportswear-Outlet, ein Dönerimbiss (hat gerade Betriebsferien), ein Schrotthändler und eine verrammelte Riesendisco, die nur am Wochenende die Nacht zum Tag macht.

Auf den ersten Blick scheint es, als sei dies die Mutter aller Gewerbegebiete. Und doch hat dieser Ort etwas, das kein anderer hat – Schlafbrillen!

Zehntausende, ja Hunderttausende sind hier über die Jahrzehnte zugeschnitten und zurechtgenäht worden, haben es von hier aus auf die ruhebedürftigen Köpfe Reisender geschafft. Wenn es in Europa eine Stätte gibt, die den Ehrentitel "Home of the Schlafbrille" verdiente, dann ist es Ainring-Mitterfelden. Und wer in die Nacht reisen will, sollte die einfachste Form der Verdunkelung jenseits des Lidschlags nicht auslassen: Setz dir eine Maske auf, und du hast keinen blassen Schimmer mehr.

Im Haus Nr. 8 an der Industriestraße, einem weißblauen, zweckmäßigen Kasten, befindet sich die Dr. Winkler GmbH & Co. KG. Das "Dr." ist wichtig, denn die kleine Firma beliefert den paramedizinischen Bereich – Apotheken, Optiker, Sanitätshäuser, Bettenläden –, da promoviert so ein Titel das Geschäft ganz ungemein. Im Büro zum Kaffee begrüßt mich die charmante Frau Winkler, deren Name gleich zur Frage führt, ob sie die Chefin des Hauses sei.