DIE ZEIT: Vorige Woche wurde der mutmaßliche Mörder des neunjährigen Mitja in Leipzig gefasst, nachdem er sich vor eine Straßenbahn geworfen hatte und schwer verletzt worden war. Sie behandeln in der Charité Männer mit pädophiler Neigung. Reden Sie mit ihnen über diesen Fall?

Klaus Beier: Ja, die Gespräche kreisen darum. Und die Reaktionen der Männer sind genauso wie bei jedem andern auch, der davon hört: Sie sind entsetzt und regen sich auf, wie so etwas passieren kann.

Interessant ist, dass sich Täter, die selbst ein Kind sexuell missbraucht haben, möglichst klar von denen distanzieren wollen, die eine schwerwiegendere Tat begangen haben.

ZEIT: Was ist eine schwerwiegendere Tat?

Beier: Unterschiede im Tathergang führen zu unterschiedlich schwerer Traumatisierung beim Opfer. Wenn ein Kind beispielsweise einem Exhibitionisten begegnet, es also zu keinem Körperkontakt kommt, und es danach seinen Eltern davon erzählen kann, wird es das vergleichsweise gut verarbeiten können. Schwerwiegender ist schon, wenn ein Bekannter, zum Beispiel ein Lehrer oder ein Fußballtrainer, das Kind berührt, auch ohne dass es zur Penetration kommt und ohne Anwendung von körperlicher Gewalt. Ganz gravierend ist eine gewalttätige Durchsetzung der Tat. Besonders schlimm für das Kind ist es aber immer, wenn es sich niemandem anvertrauen kann. Wenn die Mutter ihm zum Beispiel nicht glaubt und damit den Täter schützt.

ZEIT: Sie haben in Ihrem Therapieprojekt auch verurteilte Sexualstraftäter.

Beier: Ja, aber damit wir sie aufnehmen, müssen sie ihre Strafe vollkommen verbüßt haben. Wenn jemand zum Beispiel zur Bewährung freigelassen wurde oder gegen ihn ermittelt wird und ein Strafverfahren bevorstehen könnte, dann nehmen wir ihn nicht.

ZEIT: Warum?

Beier: Weil wir dann nicht wissen, ob er sich wirklich aus Eigeninitiative bei uns gemeldet hat. Gerade in Ermittlungsverfahren kann es sein, dass die Angezeigten vor allem ihr Umfeld besänftigen und Freunden oder Familie zeigen wollen: Ich kümmere mich ja um mein Problem. Manche, die sich bei uns melden, haben auch einfach einen findigen Verteidiger, der seinem Mandanten rät, zu uns zu kommen, weil das Vorteile bei Gericht bringen könnte. Die Eigeninitiative ist aber entscheidend für den Erfolg der Therapie.

ZEIT: Uwe K., Mitjas mutmaßlicher Mörder, war 1997 wegen versuchter Vergewaltigung eines Elfjährigen zu zwei Jahren Haft verurteilt worden. Seine anschließende fünfjährige Bewährungszeit endete ohne Vorkommnisse. Er wäre also theoretisch infrage gekommen für Ihr Projekt.

Beier: Wir prüfen eine Reihe von Voraussetzungen. Von den 500 Personen, die sich bei uns gemeldet haben, laden wir jeden Einzelnen zu einem Interview ein. Wir untersuchen ihn und entscheiden dann, ob er geeignet ist für das Projekt, ob er überhaupt eine pädophile Neigung hat oder eine ganz andere sexuelle Hintergrundproblematik besteht. Wir untersuchen auch, ob der Patient zum Beispiel unter einer Sucht leidet oder schizophren ist. In so einem Fall nehmen wir ihn auch nicht auf.

ZEIT: Wenn ein Mann wie Uwe K. bereits fünf Mal ein Kind missbraucht hat, kann man doch davon ausgehen, dass er pädophil ist.

Beier: Nein. Für eine diagnostische Einschätzung muss man jeden Patienten erst untersuchen. Aber im Gegensatz zu unserem Projekt, wo wir potenziellen Tätern, die nicht justizbekannt sind, helfen wollen, hat man bei den justizbekannten Straftätern das Problem, dass sie oft nicht wahrheitsgemäß Auskunft geben. Auch gibt es viele Sexualstraftäter, die Kinder sexuell missbrauchen, aber nicht pädophil sind. Sie sind aus unterschiedlichsten Gründen nicht in der Lage, einen Kontakt zu einem altersentsprechenden Partner herzustellen, obwohl sie das eigentlich wollen. Ihre sexuellen Wünsche setzen sie dann ersatzweise mit einem Kind um.

ZEIT: Was passiert mit den Männern, die Sie nicht aufnehmen?

Beier: Das kommt auf den Ablehnungsgrund an. Wenn ein Strafverfahren läuft, besteht ja zunächst eine Zuständigkeit der Justiz. Angeklagte werden gegebenenfalls verurteilt oder bei unsicherer Beweislage freigesprochen. Aber die Kriminalstatistiken sind einigermaßen ernüchternd: In Deutschland werden pro Jahr etwa 16000 bis 17000 Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs angezeigt, etwa 10000 Tatverdächtige ermittelt und circa 2500 Täter verurteilt.

ZEIT: Verstehen Sie die Angst der Leute und die Empörung, wenn wieder ein vorbestrafter Sexualtäter ein Kind missbraucht?

Beier: Natürlich. Ich habe selbst Kinder. Man würde sich schon wünschen, dass man genau weiß, welche Gefahr von den justizbekannten Tätern ausgeht. Aber dazu müssten wir auch alle Täter begutachten und zwar qualifiziert. Ich weiß zwar nicht, wie das im Fall von Uwe K.

war, aber ich weiß, dass nur maximal 10 bis 15 Prozent aller Sexualstraftäter überhaupt begutachtet werden, und zwar nach sehr unterschiedlichen Qualitätsstandards. Es ist den Gerichten überlassen, ob sie einen Gutachter hinzuziehen oder nicht. Andere Länder wie etwa Holland erfassen alle Sexualstraftäter diagnostisch.

ZEIT: Und wo fängt man da an? Müsste dann auch derjenige sachverständig untersucht werden, der Kinderpornos auf seinem Rechner anguckt?

Beier: Das rate ich dringend an. Nutzung von Kinderpornografie ist mittelbarer sexueller Kindesmissbrauch. Die Täter sind da für Therapeuten möglicherweise noch leichter erreichbar, vor allem, wenn sie gewissermaßen noch am Anfang stehen. Je mehr Verurteilungen einer hat, umso schwieriger wird es.

ZEIT: Wie groß ist das Risiko, dass ein pädophiler Täter nach einer verbüßten Strafe rückfällig wird?

Beier: Ich habe hierzu eine große Studie durchgeführt und ehemals verurteilte Sexualstraftäter sehr lange nach der ersten Verurteilung noch einmal untersucht im Durchschnitt 25 Jahre später. Da fand ich heraus, dass Männer mit einer pädophilen Hauptströmung also solche, die sexuell ausschließlich auf Kinder ausgerichtet sind sehr häufig rückfällig werden, nämlich zu 80 Prozent. Männer mit einer Nebenströmung ebenfalls häufig, etwa zu 50 Prozent. Männer, die Ersatzhandlungen begehen, deutlicher seltener, nämlich um die 10 Prozent.

ZEIT: Bei diesem enorm hohen Risiko: Sollte man nicht generell Sicherungsverwahrung für die Straftäter anordnen, um Kinder zu schützen?

Beier: Ich bin gegen jede pauschale Vorgehensweise, weil sie dem Einzelnen nicht gerecht werden kann. Das gilt auch für Sexualstraftäter. Es gibt diejenigen, die nicht mehr rückfällig werden. Man braucht aber genügend Spezialisten, die feststellen, wer gefährlich ist und wer nicht. Und zwar nach einheitlichen und überprüfbaren Kriterien, die bereits existieren und nur angewendet werden müssten.

ZEIT: Warum ist Pädophilie an sich nicht heilbar?

Beier: Weil sich die sexuelle Präferenzstruktur nicht ändern lässt.

Das gilt ganz grundsätzlich, also genauso für Hetero- und Homosexuelle. Männer mit pädophiler Ausrichtung wissen das aber meist nicht oder wollen es nicht wahrhaben. Darum gehört es zu unserer Behandlung, ihnen die Illusion zu nehmen, ihre sexuelle Orientierung würde sich schon irgendwann von alleine verflüchtigen, zum Beispiel wenn sie nur die richtige Frau kennenlernen. Pädophile, die so denken, sind völlig unvorbereitet, wenn sie dann mit einem Kind in Kontakt kommen.

ZEIT: Was sind die Ursachen von Pädophilie?

Beier: Die sind noch unbekannt. In der Medizin gibt es viele Krankheiten, deren Ursachen nicht bekannt sind. Am plausibelsten ist es, von einem Zusammenspiel biologischer Veranlagungen mit psychosozialen Einflussfaktoren auszugehen.

ZEIT: Aus welchen sozialen Schichten und Berufsgruppen kommen Ihre Patienten?

Beier: Aus allen. Männer mit pädophiler Neigung unterscheiden sich nur durch ein Merkmal von der Allgemeinbevölkerung dass sie nämlich pädophil sind. Es sind alle Berufsgruppen, alle Intelligenzgrade und alle sozialen Schichten vertreten. Dass sich Pädophile einen Beruf suchen, in dem sie mit Kindern zu tun haben, ist nach klinischer Erfahrung allerdings eher typisch. Vermutlich müsste man mit erheblichen Stundenausfällen rechnen, wenn man von heute auf morgen sämtliche Männer mit pädophiler Neigung aus dem Schuldienst entfernen würde.

ZEIT: Wenn ein pädophiler Lehrer zu Ihnen kommt, müssen Sie dem nicht sagen: Gib deinen Beruf auf?

Beier: Die Neigung selbst ist nicht das Problem, sondern nur ihre mangelnde Kontrollierbarkeit durch den Betroffenen. Es gibt Lehrer mit pädophiler Neigung, die absolut in der Lage sind, ihre Impulse ausschließlich auf der Ebene ihrer eigenen Fantasie zu verarbeiten.

Ich habe zum Beispiel einen jungen Pädagogikstudenten in meiner Behandlung gehabt, der gerade sein Praktikum machte. Er war hochbegabt und sehr beliebt bei Eltern und Kindern. Mit ihm konnte gut analysiert werden, wo in seinem Berufsalltag die Gefahren liegen würden. Ganz konkret war es so, dass die Praktikanten einzelne Schüler bei den Hausaufgaben betreuen sollten. Es gab da einen Jungen, den mein Patient attraktiv fand, und nun wollte dieser Junge ausgerechnet ihn als Betreuer haben. Der Patient hat selbst eingesehen, dass das Risiko zu groß ist. Er hat dem Jungen abgesagt.

ZEIT: Kann auch jemand rückfällig werden, von dem man eigentlich glaubt, er hat die Krankheit im Griff?

Beier: Wenn die Akzeptanz der Störung da ist und der Patient versteht, dass das lebenslang so sein wird, und er die Verantwortung für sein Handeln übernimmt, wenn er zudem noch einsichtig ist, dass er im Bedarfsfall Medikamente einnehmen muss dann ist die Gefahr eines Impulsdurchbruches sehr gering.

ZEIT: Die Anforderungen, denen sich diese Leute stellen müssen, scheinen recht hoch zu sein. Was passiert, wenn ein Patient in eine Krisensituation kommt, zum Beispiel plötzlich den Job verliert?

Beier: Das soziale Umfeld kann eine Rolle spielen, sodass ein Mensch nach Ausgleich sucht, und den findet ein Pädophiler nicht in einer erwachsenen Beziehung. Dann kann die Gefahr wachsen, dass er sich auf die Suche nach einem Kind begibt. Aber auch da gilt: Wer hier das Programm durchlaufen hat, das ist zumindest unsere Annahme, der wird in der Lage sein, auch mit diesen Situationen, notfalls mithilfe von Medikamenten, zurechtzukommen.

ZEIT: Für Ihr Projekt warben Sie mit dem Satz: Lieben Sie Kinder mehr, als Ihnen lieb ist? Der Begriff »Liebe« verstört einen da etwas.

Beier: Pädophile verlieben sich in Kinder so wie sich Erwachsene in Männer und Frauen verlieben. Diese Neigung führt dazu, dass man in der Bindung zu einem Kind die Erfüllung sucht, die andere in der Beziehung zu einem altersentsprechenden Partner zu finden hoffen. Ohne Frage ist es ein bedauernswertes Schicksal, weil ein verantwortungsbewusster Mann mit pädophiler Neigung sich diese Beziehungswünsche mit einem Kind nie erfüllen kann. Ein Leben lang nicht.

ZEIT: Wenn Sie im Fernseher von einem neuen Missbrauchsfall hören, denken Sie dann: Hoffentlich ist das nicht einer von uns?

Beier: Nein. Wir helfen hier in der Charité Menschen, keine Übergriffe zu begehen. Menschen, bei denen sonst eine wesentlich höhere Wahrscheinlichkeit bestünde, dass sie ein Kind sexuell missbrauchen.

Wir tun also etwas, wo vorher gar nichts stattfand.

Das Gespräch führte Annabel Wahba