Berlin verändert sich äußerlich rasend schnell. Wo gestern noch eine Baulücke an ein schadhaftes Gebiss erinnerte, glänzt heute ein raffiniert beleuchtetes Stahl-und-Glas-Gebäude, das Sperrmüllambiente der Economy-Gaststätten hat einem Chic aus Chrom und Neon Platz gemacht, dessen Vorbilder in New York zu finden sind. Nur das großstädtische Leben verharrt an Tagen außerhalb der Touristensaison in einem Zustand, der vom großen Gähnen beherrscht ist: mittags geschlossen, abends halb leer.

Wir sind alte Freunde, das Balthazar und ich. Aber wir waren nicht immer einer Meinung. Ich musste zwar zugeben, dass man hier sehr angenehm sitzt. Nämlich nicht eng und nicht im Dunkeln. Es haftete ihm etwas verlässlich Professionelles an. Aber sonst? Jetzt hat sich das Balthazar, lese ich in der Lokalpresse, einen neuen Küchenchef zugelegt. Das ist Grund genug, um wieder einmal vorbeizuschauen.

Erster Eindruck: Außer dem Küchenchef ist nichts verändert. Immer noch die schwarzen Bänke an den Wänden, der riesige Tisch in der Mitte, welcher nur dazu dient, eine riesige Rotweinflasche dekorativ herauszustellen. Sogar die Speisekarten sind unverändert, jedenfalls das Design.Was man dann liest, beweist wieder einmal, dass die Österreicher in Berlin überhandnehmen: Das Wiener Schnitzel ist allgegenwärtig, das Mineralwasser heißt Vöslauer. Darüber hinaus steht die Küche unter dem Motto »Metropolitan«.

Und was das im Einzelnen bedeutet, entdeckt jeder Gast im Selbstversuch. So waren wir entzückt über die Feinheit der fischigen Vorspeisen, technisch und geschmacklich perfekt, etwa die Fischsuppe mit den ultrazarten Jakobsmuscheln (8,50 Euro) und der mit Ingwer marinierte Garnelensalat (15,50 Euro). Danach machten wir die Entdeckung, dass die Küche nicht die besten Fleischstücke einkauft. Denn obwohl gut gebraten, waren das Kalbsschnitzel (10 Euro) und das Kalbsrückensteak hart und faserig. Die hirnrissige Idee, ein Kartoffelgratin (4 Euro) mit getrocknetem Thymian zu überwürzen, verleidete mir die Lust, weitere Metropolitanismen zu probieren.

So belief sich die Rechnung für zwei Personen einschließlich einer Flasche Mosel, Kaffee und des nicht berechneten Rückensteaks auf 74 Euro.

Balthazar
Wilmersdorf, Kurfürstendamm 160, Tel. 030/894 084 77