Julio Iglesias, 63, wurde in Madrid geboren. Mit zwanzig begann er zu singen und Gitarre zu spielen, nachdem er wegen eines schweren Autounfalls seine Karriere als Fußballer aufgeben musste. Er studierte Jura, wurde später als Musiker weltbekannt. Iglesias hat mehr als 250 Millionen Alben verkauft. Er ist mit dem holländischen Exmodel Miranda Rijnsburger liiert und Vater von sieben Kindern. Er träumt von dem Unfall, der sein Leben prägte.

Ich führe ein privilegiertes Leben. Ich wuchs als glückliches Kind in einer etablierten Familie auf, die mir eine ausgezeichnete Universitätsausbildung ermöglichte, und hatte die Chance, zweimal zu leben. Mit nicht mal zwanzig Jahren war ich so gut wie tot. Mein zweites Leben begann in der Nacht des 22. September 1963.

Bei einem Autounfall wurde mein zentrales Nervensystem stark geschädigt, und ich wurde durch eine Rückenmarkquetschung halbseitig gelähmt. Die Operation dauerte zwölf Stunden. Als ich aus dem Koma erwachte, standen mein Vater und meine Mutter in Tränen aufgelöst vor meinem Bett. Mein Leben stand auf Messers Schneide, es hieß, ich würde nie wieder gehen können. Über Monate sah ich meine Existenz nur durch die Augen jener gespiegelt, die mich im Krankenhaus besuchten. Ich entwickelte eine fast parapsychologische Sensibilität, mich in die Gedanken und die Befindlichkeit anderer Menschen einzufühlen. Diese verblüffte meine Mutter, meinen Vater und alle, die mir nahestanden. Und ich hatte Albträume, die für ein ganzes Leben reichen dürften.

Bis dahin war ich ein kleines Licht in einem großartigen Fußballteam, kein Superstar, aber eine lokale Größe im Tor der Jugendmannschaft von Real Madrid – gute Kondition, passable Technik. Ich stand an der Schwelle zum Berufsspieler, als der Unfall alle nur denkbaren Zukunftsaussichten von einer auf die nächste Sekunde zunichtemachte.

Keine Bewegung war mehr selbstverständlich. Jeden noch so kleinen Schritt meiner Beine, jeden Zentimeter, um mit meinem Arm ein Glas zu greifen, musste mein Verstand gezielt organisieren. Stück für Stück lernte ich, meine Gedanken stärker zu kontrollieren als meinen Körper. Ich begann mich durch und durch zu disziplinieren – ab sofort nicht mehr durch meinen Instinkt, sondern ausschließlich über meinen Verstand zu leben. Ich erzwang den Traum meiner Genesung kraft meines Willens.

Mein Vater gab seinen Beruf als Chefarzt für ein Jahr auf, um ganz für mich da zu sein. In seinem Haus gab es einen langen Korridor, der die Zimmer miteinander verband. Am ersten Tag brachte mir mein Vater einen Rollstuhl mit, damit ich mich im Erdgeschoss so frei wie möglich bewegen könnte. "Papa, pack ihn weg!", rief ich entgeistert. Ich sollte ihn nie anrühren. Nachts, wenn mich meine Eltern nicht sahen, kroch ich auf allen vieren von meinem Zimmer zur Küche.

Schwere Unfälle lösen verschiedenste Dinge in Menschen aus. In mir brachte es die Disziplin, die unser Vater uns immer leidenschaftlich vorgelebt hatte, zum Vorschein: zwölf Stunden Übungen pro Tag, sieben Tage die Woche, zwanzig Monate lang. Irgendwann machte ich meinen ersten Schritt auf eigenen Beinen, Tage später zwei Schritte, stets im eigenen Schweiß badend. Ich lernte, dass es im Leben nichts umsonst gab. Ich realisierte, wie wesentlich der Stoffwechsel in Muskeln war, die ich nicht hatte. Mir wurde klar, ich musste mich selbst von Grund auf reparieren und wieder zusammensetzen, um mit Hilfe des Willens über meine körperlichen Gebrechen zu triumphieren.

Eine der besten Erinnerungen, die ich an meinen Vater habe, ist die, dass er mich an die Gesetze des menschlichen Organismus heranführte, als ich noch ein kleines Kind war; Dinge, die andere erst viel später und dann häufig mühsam erlernen: warum Salz für unsere Gelenke und unseren Blutdruck schädlich ist, so wie Kaffee, Fette, Nikotin, Drogen und mangelnde Bewegung auch.

Ich habe zwei Generationen von Kindern. Drei erwachsene und vier kleine Kinder. Unser fünftes Baby wird im Mai geboren. Meine kleinen Kinder – neun, sieben und fünf Jahre alt – wissen genau, welche Nahrungsmittel warum gesund für sie sind. Sie kennen ihre Blutgruppe und wissen, was das bedeutet. Ich wünschte, es gäbe eine Art Regelwerk, "Hundert Gebote für den Körper", die wir Kindern schon ganz früh mit auf den Weg geben. Kleine Details, auf den ersten Blick nebensächlich, die ein Leben entscheidend beeinflussen können. Wer als Kind schon weiß, dass er zu Bluthochdruck neigt, kann sich unaufgeregt darauf einstellen.

Ich glaube nicht an Schicksal, aber ich glaube an Lebensumstände. Mein Unfall war so gesehen ein Glücksfall. Durch meinen Unfall wurden mir die Umstände beschieden, Champion auf meinem Gebiet zu werden, obwohl ich immer wusste, dass ich nie ein großer Sänger war. Binnen der ersten zwei Jahrzehnte meiner Karriere verkaufte ich bereits Millionen Platten, obwohl die Kritiken verheerend waren. Kein Musikkritiker konnte meinen anhaltenden Erfolg verstehen.

Wahrscheinlich gibt es zwanzig Millionen Menschen, die technisch gesehen besser singen als ich. Was mich von ihnen unterscheidet, ist jene Kraft, die ein Tennisspieler besitzt, der nach einem nervenaufreibenden Match mit einem ebenbürtigen Gegner den alles entscheidenden Ball übers Netz schlägt und den Kampf für sich entscheidet. Es ist jener winzige Grat zwischen Erfolg und Misserfolg, der mich noch heute befähigt, als Sänger im Rentenalter auf der Bühne zu stehen und Menschen live mitzureißen; immer live, ich hasse Playback. Wer seinen Körper bis in die letzte Pore kennengelernt hat und einschätzen kann, braucht kein Playback.

Ich habe vielleicht noch zwanzig Jahre als Sänger. Vielleicht auch nur zehn oder fünfzehn, je nachdem, wie lange es mir gelingt, Ausstrahlung auf der Bühne zu behalten. Jedes Mal, wenn ich in meiner Garderobe auf den nächsten Auftritt warte, denke ich daran, wie großartig es ist, dass immer noch Menschen Tickets kaufen, sich kleiden, schminken, auf den Weg machen, um mich zu hören.

Jede Minute auf der Bühne ist eine immer wiederkehrende Versicherung meiner Existenz, die vor mehr als vierzig Jahren an diesem einen, dünnen Faden hing. Umso größer ist die Dunkelheit, die sich auftut, wenn ich nach den letzten Stationen einer großen Tournee zu meiner Familie nach Hause komme, egal, was ich tue und wo ich mich bewege. Die ersten drei Tage bin ich überglücklich, zwischen Miranda und den Kindern zu sein, aber dann umfängt mich stets so etwas wie eine Depression der Einsamkeit, mit jedem Schritt. Wie ein hoffnungsloser Abhängiger. Derselbe Abhängige, der ich war, als ich noch in meiner kleinen Mannschaft spielte, derselbe, der auf dem Krankenbett lag, derselbe Süchtige, der immer und immer wieder die Liebe des Publikums braucht, noch mehr, noch mehr, noch mehr Liebe.

Mein Publikum weiß, dass ich für diese Momente auf der Bühne so gut wie alles geben würde. Menschen lieben es, wenn andere am Limit sind. Das Gefühl kennen wir alle. Man kann brennen und total am Limit sein, selbst wenn die Stimme auf halber Strecke bleibt. Wie oft habe ich gesungen, weit entfernt von meinem Zenit, und andere Menschen mit davongetragen. Man muss die Menschen zum Träumen bringen, auch wenn man selbst nicht träumt.

Aufgezeichnet von Andrea Thilo