Was für eine Dunkelheit. So finster, dass man einen neuen Namen für sie erfinden müsste. Ihr Schwarz: der blanke Nihilismus. Ein Schwarz, das alles verschluckt und alles verneint. Sieht so die Welt aus, wenn man tot ist? Und diese Stille. Eine betäubende Lautlosigkeit, in der man das Atmen vergisst. Immerhin rauscht das Blut in den Adern. Man hört es pulsen wie eine innere Brandung. Uns gibt es also noch. Mich und Marek, der jetzt seine Grubenlampe wieder anknipst und den Spuk beendet. Mit listigem Lächeln taucht er vor mir auf. Steht wieder da, mit eingezogenem Kopf, 100 Meter tief in den Eingeweiden von Wieliczka. "Gehen wir zurück?" Ja, Marek. Lass uns gehen. Zurück zu König Kasimir, Kopernikus und der heiligen Kinga, die hier unter der Erde wohnen.

Der Rückweg führt durch einen engen Korridor. Kleine Salzkristalle knirschen unter unseren Sohlen. An den Wänden wachsen weiße Haare und blumenkohlähnliche Wucherungen aus Kochsalz. Wieliczka ist das größte historische Salzbergwerk der Welt. Und einer der bedeutendsten Schätze Polens. Warum, wird gleich offenbar. Zwei Kurven noch, ein letztes Klacken unserer Plastikhelme gegen graugrünes Salzgestein, dann öffnet Marek die winzige Holztür. Wir ducken uns, und plötzlich ist es, als wechselten wir von einem Traum in den nächsten. Honiggelbes Licht flutet eine turnhallengroße Kammer. Balkengewölbe wie gotische Kirchenschiffe rücken ins Blickfeld, Emporen, Galerien und schmucke Holztreppen, die am Rand von illuminierten Schlünden und Seen mäandern. "Die Touristenroute", sagt Marek und blickt dem Gänsemarsch einer italienischen Reisegruppe hinterher. "Auf der sieht man weniger als ein Prozent der Mine. Wären wir bei unserem Abstecher weitergegangen – acht Wochen hätten wir gebraucht, um alles abzulaufen."

Der Mittvierziger ist heute mein Privatführer. Ein schlaksiger Mann mit schwermütigen Augen und einem tiefen Grübchen im Kinn. Über Mareks Krawatte lappt ein auffällig zerschlissener Hemdkragen, der zum kohlschwarzen Einreiher mit Samtbesatz und goldenen Knöpfen wirkt wie ein Versehen. Das Hemd gehört Marek selbst, der prachtvolle Anzug der Minenverwaltung. Es ist die Galauniform jener Bergleute, die dieses gigantische Hohlraumsystem aus mehr als 300 Stollenkilometern und über 2000 Kammern geschaffen haben. Bis zu 327 Meter tief verteilt es sich unter der polnischen Kleinstadt Wieliczka nahe Krakau.

Viele der 300 Führer im schwarzen Staat sind pensionierte Bergmänner und sprechen nur Polnisch. Marek aber, der arbeitslose Philosophielehrer, führt auch auf Deutsch durch die Mine. Mit dem verschnupft klingenden Akzent polnischer Intellektueller legt er los. Sein Vortrag ist ein einziger Aufruf zum Staunen und gespickt mit Wussten-Sie-schon-Sätzen. Wussten Sie, dass man hier der Erde in sieben Jahrhunderten 7,5 Millionen Kubikmeter Steinsalz entriss? Dass die polnischen Könige gut ein Drittel ihrer Staatsausgaben mit den "Krakauer Blöcken" bestritten? Und dass die Saline noch im 19. Jahrhundert der größte Industriebetrieb Polens war, wussten Sie das?

Wusste ich nicht, Marek. Aber ich weiß, dass die jährliche Million Touristen kaum wegen eines stillgelegten Bergwerks hierherkommt, sondern wegen einer merkwürdigen Gegenwelt aus Salz. Dass sie ein unterirdisches Disneyland anlockt, mit dem man ein ganzes Suppenmeer würzen könnte. Und ich staune. Über all die Kronleuchter, Fresken und Skulpturen, die hier von den Bergleuten zu verschiedenen Zeiten aus den Salzstöcken modelliert wurden. Während wir uns immer tiefer in die Erde schrauben, treffen wir im Gewirr der Treppen und Gänge die ganze Galerie ihrer Helden. Die kosmonautenhafte Salzstatue von Nikolaus Kopernikus aus den siebziger Jahren, die Büste König Kasimirs, den Feldherrn Józef Piłsudski mit seinem gewaltigen Seehundschnauzer. Vor allem aber stolpern wir an Kapellen, Heiligenstatuen und Apsiden aus purem Kochsalz vorbei. Viele Führer bekreuzigen sich aufwendig, wenn sie eine Betnische passieren. Marek tippt nur kurz in Cowboymanier an seinen Helm. "Agnostiker", erklärt er grinsend.

Doch was dann kommt, raubt selbst Atheisten den Atem. Marek sagt schon eine Weile nichts mehr. Sein Verstummen wirkt wie ein tonloser Trommelwirbel.

Auf den letzten Metern eines langen Stollens wird es immer heller, dann geht es um die Ecke – und plötzlich gähnt unter einer Brüstung die Kapelle der heiligen Kinga in gleißendem Licht. Aber was heißt hier Kapelle. Eine wahre Kathedrale tut sich auf, eine hochfahrende Demonstration katholischen Opferwillens in 100 Meter Tiefe. Und alles ist aus Salz. Die drei Altäre, die beiden Seitenkapellen, die großen Flachreliefs, die fünf wuchtigen Lüster – alles schieres Salz. Eine Herde leckender Ziegen, und nichts bliebe übrig. Drei Bergmanngenerationen brachten die Salzfelsen zum Sprechen und widmeten sie der wundertätigen Königin Kinga, die einst das Salz in den Boden gezaubert haben soll. Dann sanken sie vor ihrem Werk auf die Knie.