Wenn von André Heller die Rede ist, weiß natürlich niemand, um wen es sich eigentlich handelt. Das ist der Preis, der dafür fällig wird, daß er weltbekannt ist. Auch Berühmtheit wird ja bestraft, wenngleich bei weitem nicht so hart wie der Mangel an Erfolg. Hier gilt die abgedroschene, aber wahre Redensart: wo viel Sonne, da ist auch viel Schatten. Daraus folgt, daß es um so schwerer wird, André zu kennen, je mehr Leute zu wissen glauben, wer das ist.

Nicht als wäre er ein Mann ohne Eigenschaften; ganz im Gegenteil, er hat ihrer einfach zu viele. Das gilt für seine Berufe ebenso wie für seine Vorlieben und Talente; es gilt sogar für seine Adressen. Sie sind nämlich zu zahlreich, als daß man hoffen könnte, ihn unter einer von ihnen anzutreffen. Andererseits wird man nicht behaupten können, daß er sich versteckt. Er ist ja kein Geheimniskrämer. Gern und lebhaft erzählt er in seinen Büchern wunderbare und gräßliche Dinge aus seinem Leben, eine autobiographische Offenheit, die mit allerlei Selbstzweifeln und Geständnissen entwaffnet und entzückt.

Manchmal kokettiert er mit seiner Bescheidenheit. Aber das täuscht. Seine Neigung zum understatement in Ehren, aber was er sich vornimmt, das grenzt jedesmal an Übermut. Eins von beiden, denkt der nicht immer kerngesunde Menschenverstand: entweder Größenwahn oder Demut! Doch so leicht ist mit diesem Phänomen – ja, nennen wir ihn ruhig ein Phänomen – nicht fertig zu werden. Denn man hat es hier mit einem äußerst volatilen Element zu tun. Er ist am liebsten dort, wo man ihn am wenigsten vermutet.

Wahrscheinlich ist André Heller im Grunde ein Flüchtling, einer freilich, der sich nicht beklagt und dem es fernliegt, sich als Opfer zu fühlen. Auf die Vertreibung aus dem Garten Eden reagiert er dadurch, daß er sich seine eigenen Paradiese erfindet. Man beachte den Plural: ein solcher Zufluchtsort genügt ihm keineswegs. Es müssen schon viele sein, und zwar immer neue, einer phantastischer als der andere; denn dieser Mann ist ein Nimmersatt. Einer freilich, der sich ungern allein an den Tisch setzt, den er angerichtet hat. Jeder darf daran Platz nehmen, den es nach einem solchen Mahl verlangt. Bitte sehr! ruft der Veranstalter des Unmöglichen. Hereinspaziert! Hier ist immer noch Platz!

Ja, er braucht viel Platz. Da müssen Zelte her, Höhlen, Arkaden, Manegen, Parks, am besten ganze Landstriche. Man hat es allerdings mit einem friedlichen Eroberer zu tun, auch wenn er es auf alle vier Elemente abgesehen hat. Er erfindet hängende Gärten, feurige Spektakel, funkelnde Wasserspiele, und weil er eben ein flüchtiges Element, will sagen, ein Luftmensch ist, hat es ihm besonders der Himmel angetan; unermüdlich, so scheint es, ist er mit der Aufhebung der Schwerkraft beschäftigt.

Was immer er anzettelt, nie ist es eine one man show . André ist das Gegenteil eines Alleinunterhalters. Immerzu und in allen Richtungen der Windrose sucht er Verbündete: chinesische Akrobaten, afrikanische Tänzer, indische Artisten; sogar ganz in der Nähe, in einer Wiener Vorstadt, findet er Wunderkünstler, von denen man geglaubt hätte, ihre verblüffenden Talente wären längst ausgestorben.