Wenn das Leben ein Spiel ist, dann ist die Biografie der Einsatz – aber was ist das für ein Spiel, bei dem ein Mann einem anderen eine Kugel zwischen die Rippen jagt, nur damit er zusehen kann, wie er stirbt? Die Nacht, durch die dieser Mann fährt, der Johnny Cash (1932 bis 2003) ist und auch nicht, diese Nacht ist dunkel, und dunkel sind auch seine Gedanken, ist sein Leben, ist dieses Spiel, das ein Clown mit uns spielt, ob wir wollen oder nicht. Das Auto, das Cash fährt, ist groß und böse, die Pistole liegt neben ihm auf dem Sitz, und die Kasinos von Reno sind Versprechen und Verdammnis zugleich, wie vieles in Amerika. Die Frauen sind eine Verlockung; und der Tod ist die Antwort auf eine Frage, die niemand gestellt hat. Kein Wunder, dass Johnny Cash in den letzten Jahren seine Wiederauferstehung feiert als country-existenzialistischer Antiheld.

Die Verzweiflung ist die Botschaft, und die Verzweiflung ist echt, das macht Johnny Cash so attraktiv, im tiefen Arkansas wie im tiefen Berlin-Mitte, wo das Echte stets nur als Kopie zu haben ist. Der Zeichner Reinhard Kleist hat Cash jetzt gegeben, was er verdient: Eine tiefschwarze Comicvariante dieses Lebens, das begann, wie ein Sängerleben beginnen muss, auf den Baumwollfeldern der Südstaaten; und endete, wie ein amerikanisches Leben enden muss, mit einem letzten vergeblichen Höllenritt. Mit dem alttestamentlichen Furor, den Kleist in seinen harschen, kompromisslosen Bildern auffängt, brauste Cash durch seine Zeit, immer auf der Suche nach Erlösung für eine Sünde, die nicht seine war; für eine Tat, die er nicht begangen hatte. Er liebte die Gefallenen, er liebte die Gefangenen: Sein Auftritt in Folsom Prison 1968 war dann eine heidnische Messe für alle verlorenen Seelen.

Johnny Cash war am Ende immer mehr als nur ein Mann mit einer Gitarre; er hat den Popstar als Prediger gegeben und damit die Spiritualität in eine Sphäre befördert, in der sie mehr Menschen zugänglich ist. Sein Einsatz dabei war hoch. Er hat natürlich verloren.

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