Der Buddhismus gehört zu den ungefährlichen Weltanschauungen. Obwohl er ziemlich alt ist, wurde in seinem Namen noch kein einziger Krieg geführt, damit steht der Buddhismus unter den Weltanschauungen ziemlich alleine da. Der Buddhismus lehrt, dass nicht Reichtum und Luxus den Weg zum Glück weisen, sondern, ganz im Gegenteil, die Bescheidenheit. Er lehrt Mitgefühl und Respekt und vor allem Gelassenheit, denn Leid, Krankheit und Schmerz gehören zum Leben; es bringt, buddhistisch gesehen, nichts, sich dagegen aufzulehnen. Im Gegensatz zu anderen Weltanschauungen rät der Buddhismus seinen Anhängern dazu, nicht blind zu glauben, sondern skeptisch zu sein und Autoritäten zu misstrauen.

Klingt das alles nicht wunderbar? Vernünftig, menschlich, sanft? Was, um alles in der Welt, soll man gegen eine solche Lehre haben?

Gegen den Buddhismus spricht eigentlich nichts, außer dass er zu schön ist, um wahr zu sein. Der ideale Mensch des Buddhismus, gelassen und bescheiden, ist zweifellos ein idealer Nachbar im Mietshaus und ein idealer Kollege im Großraumbüro. Aber er wird wohl keine bahnbrechende Erfindung machen, keine wissenschaftliche Revolution anzetteln und keinen Weltrekord aufstellen, auch keinen neuen Umsatzrekord für die Firma. Für all das darf man nicht allzu gelassen sein. Der Buddhismus versucht, den Menschen ihre Gier und ihren Egoismus auszutreiben, leider sind Gier und Egoismus aber auch der Motor für unseren Ehrgeiz, und der wiederum ist einer der wichtigsten Motoren des Fortschritts.

»Fortschritt« klingt heute zwiespältig – trotzdem möchte fast niemand so leben wie im Mittelalter. Wir werden uralt und haben die meisten Seuchen besiegt, weil ehrgeizige Forscher immer neue Mittelchen entdecken. Wir sind gesünder, reicher, informierter als unsere Urgroßeltern, und diese Tatsache hat, ob wir es mögen oder nicht, ziemlich viel mit der Geldgier von Unternehmern zu tun. Das Negative und das Positive, das Gute und das Böse lassen sich nicht immer so sauber trennen, wie der Buddhismus es nahelegt. Manchmal bringt, wie es im Faust heißt, das Böse das Gute hervor und umgekehrt. Bei den meisten Eigenschaften und Verhaltensweisen kommt es, wie bei Medikamenten und Giften, auf die Dosis an.

Gegen Ehrgeiz und Selbstbewusstsein spricht eigentlich nichts, solange beides von Gesetzen und moralischen Prinzipien eingegrenzt wird. Und kann nicht auch das buddhistische Streben nach Selbstauflösung im Nirwana ein Ausdruck selbstverliebter Egozentrik sein? Statt Vollkommenheit zu erstreben, ist es vielleicht viel weiser, die eigene Unvollkommenheit zu akzeptieren. Sollte man versuchen, immer gelassen zu sein, wirklich immer? Das hieße, auf vieles zu verzichten, das gar nicht so schlecht ist – auf die Ekstasen der Rockmusik, auf die reinigende Kraft des Streites und der Trauer, auf den hemmungslosen Jubel und auf den sportlichen Kampf. Das alles ist menschlich, genauso wie die Auflehnung gegen das Leid. Auch der sympathische Buddhismus hat eine genaue Vorstellung davon, wie der Mensch sein sollte und was er zu tun hat, er setzt Normen – wie Eltern für ein Kind.

Wir sind aber erwachsen. Harald Martenstein