Er weiß, dass er sterben wird. Es sind wenige Tage vor seiner Hinrichtung. Der Prozess liegt bereits hinter ihm. Helmuth James von Moltke verfasst letzte Briefe in der Haftanstalt Berlin-Tegel. " Mein Herz", schreibt er seiner Frau Freya, "mein Leben ist vollendet, und ich kann von mir sagen: er starb alt und lebenssatt. Das ändert nichts daran, dass ich gerne noch etwas leben möchte, dass ich Dich gerne noch ein Stück auf dieser Erde begleitete. Aber dann bedürfte es eines neuen Auftrages Gottes. Der Auftrag, für den Gott mich gemacht hat, ist erfüllt."

Dieser Auftrag hieß: Widerstand gegen die nationalsozialistische Barbarei. Helmuth James von Moltke und seine Frau gehörten zum Kreisauer Kreis, einem Verbund von Widerstandskämpfern, die sich in Berlin und auf Moltkes schlesischem Gut in Kreisau trafen, um zu beratschlagen, wie Deutschland nach Hitler auszusehen habe: demokratisch, in einem europäischen Staatenbund, sozial gerecht.

Geistliche gehörten zu der Gruppe, Konservative und Gewerkschafter.

Sie überwanden jene ideologischen Gräben, die sich in der Weimarer Republik zwischen den unterschiedlichen demokratischen Kräften aufgetan hatten. Durch den missglückten Attentatsversuch auf Hitler am 20. Juli 1944, an dem einige Kreisauer beteiligt waren, flog auch diese Widerstandsbewegung nach und nach auf. Und Helmuth James Graf von Moltke wurde vor Gericht gestellt.

Freya von Moltke hat um ihn gekämpft. Sie ist zu Roland Freisler gegangen, dem Präsidenten des Volksgerichtshofs, dem berüchtigten Scharfrichter, der die Anklage gegen ihren Mann führte, sie war bei der Gestapo, um seine Befreiung zu erwirken. Es war vergeblich. In einer Hinrichtungszelle in Berlin-Plötzensee hat man den 37-Jährigen am 23. Januar 1945 um 14 Uhr erhängt. Da stand die Rote Armee bereits 80 Kilometer vor Berlin.

Freya von Moltke schlug sich zwei Tage später mit ihren Söhnen, sieben und drei Jahre alt, nach Schlesien durch, zurück nach Kreisau, wo sich das Schloss und ein Berghaus der Moltkes befanden. Doch die Besitztümer fielen nun an Polen. Der 34Jährigen blieben zwei Söhne und 1600 Briefe, die sie in einem Bienenstock auf dem Gut versteckt hatte und später veröffentlichen sollte. Es sind Dokumente darunter, die belegen, wie unverrückbar die Gewissheit ihres Mannes während der NS-Zeit war, stets auf der richtigen, der menschlichen Seite zu stehen. Aus einer preußischen Familie stammend, die bekannte militärische Persönlichkeiten hervorgebracht hatte, schlug er eine Karriere als Richter aus, um nicht der NSDAP beitreten zu müssen. Er arbeitete für das Oberkommando der Wehrmacht als Gutachter und nutzte seine Stellung, um die Erschießung von Kriegsgefangenen zu verhindern.

Auf seinen Dienstreisen versuchte von Moltke, Mitstreiter für die Widerstandsbewegung zu werben. Auch Liebesbriefe schrieb er, die angesichts des Todes kein Adieu kennen: "Ich sollte wohl von Dir Abschied nehmen ich vermags nicht - ich sollte wohl Deinen Alltag bedauern und betrauern ich vermags nicht." Er sterbe, schreibt Moltke, und fühle sich doch dem Leben zugewandt.

Mehr als 60 Jahre sind seither vergangen. Als die 96-Jährige vergangene Woche an einem sonnigen Tag aufwachte, er trug bereits den Frühling in sich, hatte sie einen Gedanken: "Endlich. Endlich wieder in Berlin." Dieser ruppige Menschenschlag hier, den sie möge, die Erinnerung an alte Freunde, diese "wunderbare Sprache". Berlin liebevoll zu erinnern habe sie niemals lassen können. Das verwirre Gesprächspartner, sagt sie, man erwarte für gewöhnlich ein in jeder Hinsicht schwieriges Verhältnis zu ihrem Heimatland, das sie doch bereits vor Jahrzehnten für immer verlassen habe. Sie zuckt mit den Schultern, lächelnd, ein wenig ratlos, sie habe doch, sagt sie, hier auch Schönes erlebt: die Solidarität mit anderen Oppositionellen, die Freundschaft mit dem Gefängnispfarrer Harald Poelchau, der ihr die Briefe ihres Mannes aus dem Gefängnis weiterleitete.

Freya von Moltke ist nach Berlin gekommen, um den Geburtstag ihres Mannes zu feiern, der am vergangenen Sonntag hundert geworden wäre.