Ach woher, sagt Angela Terzani, das viele Reisen belaste sie überhaupt nicht. » Das ist doch jetzt mein Auftrag.« Ihr Auftrag, sein Vermächtnis. Tiziano Terzani, Angelas Mann, starb im Sommer 2004 an Krebs, seither ist sie für ihn unterwegs. Gestern noch war sie in Lucca, vor zwei Wochen flog sie zur Italienischen Woche nach Hanoi, einen Film über Tiziano zeigen. Nächsten Mittwoch muss sie nach Rom, wo der Bürgermeister eine Straße nach ihrem Mann benennen will. Ein ungeheurer, posthumer Wirbel um einen Journalisten, der mehr als 30 Jahre lang Asienkorrespondent des Spiegels war und erst nach seinem Tod in seiner Heimat Italien zum Bestsellerautor wurde. Nun erscheint sein letztes Werk Das Ende ist mein Anfang, ein Zwiegespräch mit seinem Sohn Folco, auch in Deutschland.

Über eine Million Exemplare des Buchs sind in Italien schon verkauft, aber das ist nur der Erfolg, der sich in Zahlen bemessen lässt. Ebenso wie die Tatsache, dass die Website tizianoterzani.com mit 17000 eingetragenen Benutzern die erfolgreichste Autoren-Homepage Italiens ist. Aus den Forumeinträgen der überwiegend jungen Leser ist schon wieder ein Buch entstanden: Tief in uns. Es sprechen Tiziano Terzanis Leser. Auf 200 Seiten diskutieren sie über Werte und Religion, über Wiedergeburt, Buddhismus und New Age. Manche unterzeichnen mit Pace, Frieden. Fast alle entrichten Dankesbezeugungen an »TT«.

»TT hat uns gezeigt, dass nur zählt, wie wir das Jetzt leben«, schreibt eine Roberta. » Seine Worte sind voller Spiritualität. Er ist wirklich ein großer Mann.« Ein Carlo erinnert sich an eine Begegnung: »Tiziano hielt einen Vortrag an meiner Schule. Er lächelte und erzählte von seinem Enkelkind. Ich hätte ihn gern einmal im Himalaya besucht. Wer weiß, wo er jetzt ist.«

Die Bücher über seine Krebserkrankung und den Umgang mit dem nahenden Tod machten den Reporter Tiziano Terzani für viele Italiener zum spirituellen Vorbild. Manche sagen auch: zum Guru. Dabei hätte es Tiziano Terzani nicht gewollt, dass seine Fans ihn »zum Heiligen« stilisieren, zürnte die von der italienischen Bischofskonferenz herausgegebene Tageszeitung Avvenire.

»Ach, der Guru«, lacht Angela Terzani. Sie lacht viel, mit strahlenden Augen, sie ist eine schöne, noch immer mädchenhafte Frau von bald 68 Jahren. » Tiziano war doch kein Guru. Kommen Sie, ich zeige Ihnen was.«

Er ging ins Spielcasino und züchtete chinesische Kampfgrillen

Sie geht voran, ins Nebenzimmer. Da steht ein großes, rotes Bett. Ein Alkoven mit Zierschnitzereien und vielen Kissen. » Das hat Tiziano mit 5000 Dollar gekauft, die er im Spielkasino von Macao gewonnen hatte«, sagt Angela Terzani. Sie macht eine kleine Pause. Dann fragt sie verschmitzt: »Geht ein Guru ins Spielkasino?« Sie hätte auch fragen können: Lässt sich ein Guru mit den Büstenhaltern von Imelda Marcos fotografieren, die er im soeben gestürmten Präsidentenpalast in Manila entdeckt hat? Züchtet ein Guru chinesische Kampfgrillen? Und wie überhaupt soll denn ein Guru aus Florenz kommen, dieser reichen, blendend schönen, aber auch sprichwörtlich ruppigen und zutiefst skeptischen Stadt?