Der Streit

In Deutschlands Konzernen haben die Mitarbeiter viel zu sagen. Das liegt an dem Mitbestimmungsgesetz vom Mai 1976, das die Position der Belegschaft in allen Kapitalgesellschaften mit mehr als 2000 Beschäftigten deutlich stärkte. Die Arbeitnehmer beanspruchen seitdem die Hälfte der Aufsichtsratssitze. Ihr Einfluss wird allerdings dadurch begrenzt, dass auf ihrer Seite ein leitender Angestellter vertreten sein muss. Außerdem bestimmen die Kapitaleigner den Aufsichtsratsvorsitzenden allein. Und der verfügt bei einer Pattsituation über eine zweite Stimme.

Ist die Mitbestimmung schuld an zu niedrigen Renditen? Verhindert sie womöglich eine Modernisierung? Über die Auswirkungen des deutschen Modells wird gerade in Zeiten der Globalisierung immer wieder heftig diskutiert. Die ZEIT hat zwei Insider zum Streitgespräch gebeten. Beide kennen Aufsichtsratsarbeit aus eigener Erfahrung, aber ihre Ansichten könnten unterschiedlicher nicht sein. Friedrich Merz, einst finanz- und wirtschaftspolitischer Vordenker der CDU, ist als Anwalt tätig und sitzt unter anderem in Aufsichtsgremien oder Beiräten von AXA, BASF, Commerzbank und Deutsche Börse. Schon als Politiker hatte Merz immer wieder gesagt, die Mitbestimmung schmälere die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. FRIEDRICH MERZ , einst Finanzexperte der CDU, arbeitet als Anwalt und sitzt in vielen Aufsichtsräten BILD

Hingegen sagt Klaus Lang, das 76er Gesetz habe sich bewährt. Er war Vordenker der IG Metall und unter Klaus Zwickel Leiter der Abteilung Grundsatz, Koordinierung und Politische Planung. Seine These: Die Mitbestimmung beziehe die Arbeitnehmer in die Krisenbewältigung ein und binde das wichtige »Humankapital« an das Unternehmen. Langfristig zahle sich das für die Aktionäre aus. KLAUS LANG war früher IG-Metall-Vorstand, heute ist er Geschäftsführer der Stahlwerks Georgsmarienhütte BILD

DIE ZEIT: Herr Lang, die Lohnsteigerungen in Deutschland hinken seit zehn Jahren hinter allen anderen westlichen Industrienationen her. Liegt das an der Mitbestimmung? Fühlen sich die Gewerkschaften inzwischen mehr dem Shareholder-Value verpflichtet als ihren Mitgliedern?

Klaus Lang: Es liegt ganz sicher nicht an der Mitbestimmung. Ich bin überzeugt, dass sich die Gewerkschaften in erster Linie den Arbeitnehmern verpflichtet fühlen. Aber die Gewerkschaften wissen, dass auch Arbeitnehmerinteressen zum Gesamtkonzept einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft in einer globalisierten Welt passen müssen.

ZEIT: Herr Merz, was kritisieren Sie an der Mitbestimmung und den paritätisch besetzten Aufsichtsräten?

Friedrich Merz: Drei Punkte. Erstens: Die Aufsichtsräte in Deutschland sind zu groß. Zwanzig Mitglieder in einem Aufsichtsrat erlauben vor allem in kapitalmarktrelevanten Fragen keine vertraulichen Beratungen mehr. Deswegen werden in vielen dieser Aufsichtsräte die Themen, die eigentlich dort behandelt werden müssten, in die Strategieausschüsse verlegt oder sogar in kleinere Zirkel, die keine gesetzliche Grundlage haben.

Lang: Moment. Die Frage der Größe sagt im Kern nichts über die Zusammensetzung. Auch ein kleiner Aufsichtsrat kann paritätisch besetzt sein. Und die Nebenformen von Entscheidungsgremien würde es auch geben, wenn der Aufsichtsrat nur zwölf Mitglieder hätte.

Merz: Zweitens sollte in den Aufsichtsräten die Arbeitnehmerseite auch durch Belegschaftsvertreter ausländischer Betriebsstätten besetzt werden. Die haben heute kein Wahlrecht. Ich halte das für europarechtswidrig. Es kann nicht sein, dass eine immer größere Zahl von Beschäftigten ausschließlich durch die inländischen Arbeitnehmer und deren Gewerkschaftsvertreter repräsentiert wird.

Lang: Da bin ich ganz bei Ihnen. Hier besteht Reformbedarf. Ich war, als ich noch bei der IG Metall war, stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender bei ThyssenKrupp-Nirosta. Wir haben es damals geschafft, dass wir zumindest Vertreter aus Italien im Aufsichtsrat hatten.

ZEIT: Und Ihr dritter Punkt, Herr Merz?

Merz: Der ist der sensibelste, aber der wichtigste: Die Vorstandsbestellung sollte aus der Mitbestimmung herausgenommen werden. Sie gehört in die ausschließliche Zuständigkeit der Anteilseigner.

ZEIT: Was versprechen Sie sich davon?