Besser hätten es sich die Strategen bei der IG Metall kaum wünschen können. Pünktlich zum Beginn ihrer Tarifverhandlungen am Montag dieser Woche veröffentlichte das Kieler Institut für Weltwirtschaft neue – geradezu fantastische – Konjunkturdaten. Die deutsche Wirtschaft wird nach den Berechnungen der Kieler in diesem Jahr noch stärker wachsen als im Aufschwungjahr 2006. Ein Wachstum von 2,8 Prozent prognostizieren sie, das wäre so viel wie seit sieben Jahren nicht mehr. Umgekehrt soll die Zahl der Arbeitslosen noch schneller sinken als bisher und bis 2008 auf 3,3 Millionen fallen. Bei dieser Prognose könne einem "schwindlig" werden, ließ sich Bundesfinanzminister Peer Steinbrück schon zitieren.

Womöglich haben die verheißungsvollen Zahlen auch bei dem einen oder anderen Arbeitgeberlobbyisten vorübergehend Schwindelgefühle ausgelöst. Denn das ist klar: Die Gewerkschaften sind derzeit in einer "außerordentlich guten" Verhandlungsposition, wie ihnen die Kieler Forscher ausdrücklich bescheinigen. Schon warnen Arbeitgeber, die erstarkten Gewerkschaften könnten den Aufschwung bald wieder abwürgen. Dafür spricht, bei aller Aufregung, bisher jedoch wenig.

Ein wichtiger Pflock für das Tarifjahr 2007 ist bereits eingeschlagen. Die Tarifparteien in der Chemieindustrie einigten sich in der vergangenen Woche – gewohnt geräuschlos – auf 3,6 Prozent Lohnerhöhung über 14 Monate plus eine Einmalzahlung von 0,7 Prozent. Das ist ein Abschluss, über den sich alle Beteiligten sehr zufrieden zeigen, zumal er eine flexible Komponente enthält: Die Einmalzahlung kann in angeschlagenen Betrieben verringert oder gestrichen werden.

In der Metall- und Elektroindustrie dürfte die Lohnsteigerung kaum geringer ausfallen. Die IG Metall wird versuchen, eine Vier vor dem Komma zu bekommen – und dieses Ziel wahrscheinlich auch erreichen. Sie hat selbst 2002, in einem wirtschaftlich viel schlechteren Jahr, unter dem Strich vier Prozent mehr Lohn und Gehalt herausgeholt.

Doch hohe Abschlüsse in der Chemie- und in der Metallindustrie repräsentieren nicht die gesamte Wirtschaft. Sie spiegeln die anhaltend gute Konjunktur und die hohe Tarifbindung in diesen Branchen. In anderen Wirtschaftszweigen sieht die Lage dagegen viel schlechter aus. Der Bau erholt sich gerade erst von katastrophalen Krisenjahren, im Einzelhandel wird um Kürzungen gerungen, und im öffentlichen Dienst sind in diesem Jahr nur die mageren Aufschläge fällig, die bereits früher vereinbart wurden. Auf die gesamte Wirtschaft bezogen, rechnen die Kieler Konjunkturforscher daher bloß mit einer Lohnsteigerung um 2,5 Prozent in diesem Jahr. Das ist, berücksichtigt man die Inflation, keineswegs dramatisch für die Wirtschaft. Hinzu kommt: Die Beiträge zu den Sozialversicherungen wurden um 1,2 Prozentpunkte gesenkt, das dämpft den Anstieg der Arbeitskosten für die Unternehmen. Bisher scheint es also eher unwahrscheinlich, dass die Tarifkämpfe in diesem Jahr die gute Konjunktur zunichte machen.

Das ist allerdings kein Freibrief für beliebige Lohnforderungen. Denn jede dauerhafte Tariferhöhung wirkt auch dann noch nach, wenn die Konjunktur längst wieder abkühlt. Dann wächst gerade in den Branchen, in denen zuvor die Löhne besonders in die Höhe getrieben wurden, der Druck zur Verlagerung, zur Rationalisierung oder zur Flucht aus dem Flächentarif.

Daraus folgt erstens: Vorausschauende Gewerkschafter werden im eigenen Interesse nicht versuchen, in einer für sie günstigen Situation das Maximalmögliche herauszupressen. So wenig das vernünftige Unternehmer im umgekehrten Fall tun sollten. Und zweitens: Einmalzahlungen sind ein wichtiges Instrument, um in guten Zeiten Tariferhöhungen mit einem Zuschlag zu ergänzen.