Die Gemeinde hat Glück mit dem Wetter. Es ist der Tag des Herrn, die Krokusse blühen, die Gründerzeithäuser halten ihre restaurierten Fassaden in die Sonne, und vorm Gohliser Schlösschen herrscht Pfingstgottesdienststimmung. Alte Damen ohne Hut, junge Herren mit wehenden Bohemienfrisuren. Sie begrüßen einander geradezu begeistert, jeder staunt, wer außer ihm selbst alles da ist. Hallo, guten Morgen, Sie auch hier? Es werden immer mehr Leute, vierzig, sechzig, achtzig. Manche haben schon vor einem halben Jahrhundert zusammen im Lyrikseminar gesessen, andere sind erst seit zwei Semestern in Leipzig. Jetzt strömen sie zum Haus Menckestraße 18, schräg gegenüber dem Schloss, und bilden einen Pulk, der vom Bürgersteig zwischen parkenden Autos hindurch bis auf den Grünstreifen in der Mitte quillt. Denn der erste Teil der Lobpreisung findet auf offener Straße statt.

Nein, dies ist kein Kirchentag, kein Freiluftkonzert, keine Demo. Bloß eine Geburtstagsfeier für Georg Maurer. An dem Haus, wo der Dichter von 1951 bis zu seinem Tod 1971 lebte, wird heute eine Gedenkplatte enthüllt. Danach gibt es einen Festakt im Gohliser Schloss, dem vornehmsten Sommerpalais der Stadt, mit scharfsinnigen Reden, gediegenen Rezitationen, Klavier und Gesang. Maurer wird hundert, weshalb die Gemeinde seiner Verehrer den Verkehr blockiert. Sie huldigen dem letzten Propheten des Weltanschauungsgedichts, dem Schöpfer spekulativer Naturlyrik, dem späten Messias einer mit sich und dem Kosmos im Einklang befindlichen Menschheit, kritischen Positivisten und Übervater der Sächsischen Dichterschule. Georg wer? Kein anderer deutscher Lyriker ist nach 1945 in Ostdeutschland so verehrt worden und zugleich in Westdeutschland so unbekannt geblieben. Dort sind zwar Maurers Altersgenossen Peter Huchel und Erich Arendt ein Begriff, wurden die beiden großen Leipziger Lehrer der Nachkriegsjahrzehnte, Ernst Bloch und Hans Mayer, gelesen – aber kaum jemand westlich der ehemaligen innerdeutschen Grenze hat von dem Dritten im Bunde gehört.

"Ungeheuerlich / fallen wir in die Zukunft. Doch das / ist uns nicht schnell genug. Schiffsschrauben treiben donnernde Blüten hinter uns…" Georg Maurers Verse klingen so aktuell, als hätte er sie gestern geschrieben, und so altmodisch wie aus einem längst verflossenen Jahrtausend. Denn sie handeln stets vom Weltganzen, nicht von den kleinlichen Sorgen des um sich selbst kreisenden Ichs. Sie sind universal statt subjektivistisch. Sie sind konsequent utopisch. Vielleicht haben sie deshalb im Westen keinen Verleger gefunden. Vielleicht mobilisiert Maurer deshalb noch immer so viele Menschen: weil er uns unser kollektives Unbehagen an der Gegenwart erklärt, indem er sie als gemeinsamen Sturz in die Zukunft beschreibt, ein Abwärtsdonnern, dass man halt schreien möchte, sich festklammern, notfalls an einem Text. "Wo beginnt Welt, wo ich?" steht auf der polierten Messingtafel Menckestraße 18. Ein Dresdener Dichter klemmt eine Rose dahinter. Die 85-jährige Witwe Maurer lächelt in die Kameras. Dann wird sie von grauhaarigen Literaturprofessoren umarmt, die einst bei ihrem Mann studiert haben.

Wie viele Leute kämen wohl in München, um den 100. Geburtstag eines toten Lyrikers zu feiern? In der sächsischen Kulturhochburg kommt natürlich auch Bürgermeister Georg Girardet. Er sagt, wobei er zu Erich Loest hinübergrüßt, noch nie habe er das literarische Leipzig so vollständig versammelt gesehen. Eingeweihte wissen: Loest wurde 1953, als die Apparatschiks ihn erstmals aus dem Schriftstellerverband werfen wollten, von Georg Maurer verteidigt.

Der charismatische, einfühlsame, diskutierwütige, ewig Zigarre paffende Dozent Maurer war es ja, der in den fünfziger, sechziger Jahren die Eigenwilligsten und Begabtesten ans Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher zog. Durch seine Seminare gingen fast alle namhaften ostdeutschen Lyriker der jüngeren Generation: Karl Mickel, Adolf Endler, Volker Braun, Sarah und Rainer Kirsch, Heinz Czechowski… Wer in deren so unterschiedlichen Texten das Verbindende sucht, findet es bei Maurer: ein müheloses Zusammenspiel von Philosophie und Ästhetik, Politik und Gefühl, Reflexion und Bild. Doch das krass Zivilisationskritische der avancierten ostdeutschen Naturlyrik fehlt bei Maurer. Sein Beharren auf Hoffnung war wohl ein weiterer Grund, dass man ihn im Westen ignorierte. Auch taugte er nie als Vorzeigerenegat – frühzeitig hatte er auf seine Parteilosigkeit gepocht, sodass die Partei später wohl vergaß, ihn medienwirksam zu kujonieren.