Dann schlägt man’s wieder auf. Ein Kinderbuch? Kein Kinderbuch? Ein Buch vom Leid? Ein Buch vom Schluss? Erzählt es eine Fabel? Ein Märchen? Überhaupt eine Geschichte? Oder ist es nicht vielmehr Meditation?

Ein rätselhaftes Buch.

Oder fangen wir noch einmal an: Es gibt keine Kinder; es gibt nur Menschen. Kleine Menschen, große Menschen. Es gibt nur den einen gelebten Augenblick zwischen Geburt und Tod, aber keiner weiß, was das ist, zu keiner Zeit seiner Zeit.

Ente, Tod und Tulpe ist so ein Buch: für Menschen, kein Kinderbuch. Vielleicht versteht man es mit fünf; vielleicht versteht man es mit neunzig noch nicht. "Ab sieben Jahren", sagt der Verlag. Mit sieben ist der Mensch fertig, glauben die Jesuiten, danach kommt nicht mehr viel. Soll sein.

Wolf Erlbruch hat es geschaffen, der bergische Professor. Ihm sind in den vergangenen zwanzig Jahren wunderbare Kinderbücher gelungen, Der kleine Maulwurf, Das Bärenwunder, Nachts und so weiter, alles Klassiker. Aber daneben gibt es Erlbruch-Bücher, die als Solitäre im Regal der Händler stehen, mal bei den Bilderbüchern, mal bei den Kunstbüchern, mal zwischen der allgemeinen Belletristik, wie das 2000 erschienene Neue ABC-Buch, das mehr ist als die Fibel, die es vorgibt zu sein: ein Welttheater nämlich, eine entfesselte Wunderkammer der Wirklichkeit, vor allem aber, obwohl der Text aus dem Jahre 1790 stammt, eines der schönsten Bücher der Jetztliteratur.

Ente, Tod und Tulpe könnte unter Philosophie stehen oder unter Theologie. Im Kunst-Regal ohnehin. Erlbruch liebt alte Papiere, er liebt raffinierte Collagen, Buntstift, Kraft und Fülle. Hier findet sich nichts davon. Oder nur wenig. Alles zart und reduziert, minimalistische Bilder. Auftreten nur die Ente und der Tod in seinem karierten Kleidchen. Blasse Farben, keine Requisiten – bis auf die Tulpe. Dazu ein fahriger Dialog, der seltsam zu vibrieren scheint und die Angst vor dem Sterben spüren lässt, die Ungewissheit über das Ende und das Danach. Durchblinzelt vom leisen Spott des Tödleins, dessen altersloses Totenköpfchen eine Maske ist, hinter der man nichts erkennt.