Es ist zum Aus-der-Haut-Fahren! Von Seite zu Seite werden wir nervöser. Seite 699. »Ah!«, sagt da der weise Gemba. »Jetzt wissen wir, was aus dem Lot geraten ist.« Wie konnte das geschehen? Alles schien so hoffnungsvoll in den Drei Ländern nach dem unsäglichen Leid, das sich die Menschen jahrhundertelang gegenseitig zugefügt hatten. Welch tiefen Einblick ins Leben eines fiktiven japanischen Inselvolkes des 16. Jahrhunderts gewährte uns die australische Schriftstellerin Lian Hearn in ihrer viel gerühmten dreiteiligen Fantasy-Saga Der Clan der Otori. Nun erzählt sie in dem Roman Der Ruf des Reihers von den Geschehnissen 16 Jahre später.

Das Volk zufrieden. Der Hass verschwunden. Der Terror der Clan-Chefs Geschichte. Die Folter geächtet. Die Menschen leben in Glaubensfreiheit. Handel und Handwerk blühen. Die ersten Fremden kommen ins Land. Und mit ihnen Feuerwaffen. Doch der Wohlstand wächst. Dank der weisen Regentschaft des Herrscherpaars Takeo und Kaede. Drei Töchter hat Kaede in die Welt gesetzt. Da ist zunächst Shigeko, gerade 15. Sie genießt eine spirituelle Erziehung und wird – wie es scheint – eines nicht allzu fernen Tages das Erbe im Sinne der Eltern antreten. Die Zwillinge Maya und Miki sind nicht ganz so pflegeleicht; sie haben es schwer in einer Zeit, in der sich der Aberglaube hält, Zwillingsgeburten seien ein böses Omen.

Zudem weiß man von einer Prophezeiung, die Takeos Leben bedroht, nur seine geliebte Frau ahnt nichts. Nichts von Takeos außerehelichem Sohn, der bei einem geheimen »Stamm« zum Hass erzogen wird. Nichts von der Weissagung, nach der nur jener Sohn im Alter von 16 Jahren seinen Vater töten könne.

Man würde aber Gillian Rubinstein – die sich hinter dem Pseudonym Lian Hearn verbirgt – als Schriftstellerin nicht gerecht, wenn man glaubte, sie wolle die Spannung allein durch die Frage »Tut er’s, oder tut er’s nicht?« schüren. Mit bewundernswerter erzählerischer Kraft (die Übersetzer Henning Ahrens zu bewahren versteht) zeichnet sie ein differenziertes Sitten- und Sippengemälde jener Zeit, in der sich das japanische Reich den Vorboten europäischer Zivilisation öffnet. Sie malt sinnenfreudige Naturszenarien und füllt sie mit Personen, die uns in ihrer inneren Zerrissenheit sehr vertraut scheinen.

Im Sinne der Autorin verabschieden wir uns bald von den Gut-Böse-Mustern üblicher Genreliteratur und orientieren uns an Takeo, der sich »dem vielschichtigen und schwierigen Weg« widmet, der »jenseits der täuschend einfachen Methoden« liegt. Das ist es, was Lian Hearns Roman so realistisch macht, trotz seiner mythologischen Eskapaden. Siggi Seuß