"Ich bin der alte Jude"

Die Röcke der Mädchen sind knöchellang, die Füße stecken in dunklen Strümpfen und Sandalen. In ihren Augen, auch sie dunkel, ist ein Rollladen heruntergegangen beim Anblick der fremden Frau. Als ob die Verbote, die um das Wohngebiet Mea Shearim im Zentrum von Jerusalem herum angeschrieben sind, auch aus diesen Augen herausschauten.

Der Schriftsteller Aharon Appelfeld ist häufig in diesen Straßen unterwegs. "Die Leute sind arm, aber sie sind nicht arm. Sie haben ein geistliches Leben." Die Leute, das sind die ultraorthodoxen Juden, die hier leben. Appelfeld ist ein wacher Beobachter auf leisen Sohlen, unaufdringlich, respektvoll, freundlich. Ob es mir nicht auch auffalle: Hier sehe man fast nur menschliche Bewegung. Wenig scheint zwischen Mensch und Mensch, Mensch und Gott zu stehen. Wenig aber auch, an das die Besucherin von außen anknüpfen könnte in dieser Welt voller fremder Codes. "Hier gibt es nur Tradition – keine Moden, keine Moderne. Das ist nicht gut oder schlecht – es ist einfach da. Und es hat eine Kraft!"

Appelfelds Helden sind die Kinder. Behütete, mit großer Liebe umgebene Einzelkinder, wie Appelfeld selbst eines war, durchwandern seine Romane in einer selbstverständlichen, nie beklagten Einsamkeit, deren Kehrseite ein fast beängstigend hellsichtiges Beobachten ist. Sie heißen Otto, Bruno, Paul, Erwin oder Jakob; und sie haben die Fähigkeit, das Gras wachsen zu hören. Sie haben prophetisch klare Vorgefühle von dem, was da kommt, und sie hören dem erwachsenen Geschehen über ihren Köpfen scharfsinnig seinen verschlüsselten Sinn ab. Sie sind verdonnert – und berufen – dazu, den Posten des Beobachters zu ihrem Ort zu machen.

Wenn Appelfeld deutsch spricht, ist es immer ein wenig so, als holte er Wort für Wort eigens aus einer alten Truhe und lauschte dann auf das, was zum Vorschein kommt. Die Sprache in der Truhe war nicht nur lange Zeit vergraben, sie kann auch kein Wort lang gleichgültig sein – ist sie für Appelfeld doch sowohl die Sprache der geliebten Mutter als auch die der Muttermörder. Starke Gefühle waren für ihn von Anfang an auf Deutsch verfasst. Das Jiddisch von Mea Shearim hingegen ruft die Welt der Großeltern wach: Ihr Leben in jüdischer Tradition war eine Kraft, die dem achtjährigen Jungen beim seelischen Überleben half, als seine Kindheit an einem Tag im Jahr 1940 endete.

An diesem Tag hörte der achtjährige Erwin, wie seine Mutter von deutschen und rumänischen Faschisten ermordet wurde. Mit dem Vater war er noch kurze Zeit im Ghetto, von dort fuhr ein Zug in die Ukraine, dann ging es an der Hand des Vaters in ein Arbeitslager in Transnistrien. Er konnte fliehen, sein Vater nicht. Den ersten Winter überlebte er in der Hütte einer Prostituierten. Als er danach zum Handlanger für Kriminelle wurde – "ein Kind ist ihnen für alles Mögliche nützlich" –, war er nicht mehr Erwin, sondern Janek. Den Fußmarsch von der Ukraine bis nach Zagreb machte Appelfeld als Küchenjunge der Roten Armee. Als er schließlich im süditalienischen Durchgangslager angekommen war, wo er mit vielen anderen auf ein Schiff nach Palästina wartete, hatte er keine Sprache mehr. Sich in Deutsch, Jiddisch, Rumänisch und Ukrainisch-Ruthenisch bewegen zu können war wertlos geworden.

"Kommen Sie in mein Kaffeehaus, ich warte dort auf Sie!", hatte Aharon Appelfeld gesagt. Das Ticho Coffeehouse liegt im unteren Teil von Jerusalem, der "neuen Stadt". "Ich kann nicht in die Altstadt kommen", hatte er gesagt. "Für mich ist das zu gefährlich." Aber auch im schönen exotischen Garten des Ticho sitzt eine Sicherheitskontrolle vor der Tür; drinnen, unterm weiß getünchten Kreuzgewölbe, sind Leute im Gespräch versunken, weder von Musik noch von Rauch gestört.

"Ich bin der alte Jude"

Das braucht es, damit Aharon Appelfeld ein Kaffeehaus zu seinem erklärt; sich drei-, viermal die Woche dorthin begibt, in einer ruhigen Ecke mit Stift und Papier einrichtet und schreibt. So sitzt er auch jetzt da, kerzengerade aufgerichtet, Umschau haltend: ein kleiner, sehr freundlicher Mann mit einem runden Gesicht unter der schwarzen Schirmmütze und riesigen hellen Augen, die ein bisschen wie aufgerissen aussehen, wie um ein Maximum zu fassen; ein Äußerstes zu leisten an Beobachtung und Wahrnehmung. Die Stimme ist leise und eindringlich, leise auch der Humor; weich die Melodie seines osteuropäisch klingenden Deutsch, als er sich nach seinem Gegenüber erkundigt, bevor er selbst zu erzählen beginnt.

Aharon Appelfelds Geschichte mit den Jerusalemer Kaffeehäusern ist genauso lang wie die Geschichte seines Schreibens: Beides begann 1953 im Café Peter, und seither ist der größte Teil seiner 40 Bücher – die inzwischen in schneller Folge auch auf Deutsch erscheinen – im Kaffeehaus entstanden.

Auch Blanka liebt Cafés. Wie sie dort mit dem Vater saß und Käsekuchen aß, das ist für die junge jüdische Heldin von Appelfelds Roman Bis der Tag anbricht zum Bild von innerem Frieden geworden – umso mehr, als dieser ein endgültig verlorenes, nur noch erinnertes Gut ist. Jetzt ist Blanka auf der Flucht, eine gehetzte junge Frau, die mit ihrem vierjährigen Sohn Züge kreuz und quer durch das Österreich-Ungarn des beginnenden 20. Jahrhunderts nimmt, sich für kurze Zeit in Dörfern einmietet, um dann wieder weiterzuziehen. Die Landschaften, in die der Erzähler Blanka und Otto, ihren Sohn, hineinsetzt, sind von idyllischer Schönheit, die umso schärfer hervortritt, als ein noch namenloses Grauen mit ihnen unterwegs ist; ein Horror, vor dem Kind wie auch dem Leser verborgen. Eine Uhr tickt, die nur Blanka hört. Während der Reise beginnt Blanka zu schreiben wie eine Besessene. Zeugenschaft ist ihr Name dafür; Erinnerungen, sagt sie ihrem Sohn.

Blankas Unglück hat damit begonnen, dass sie den antisemitischen Kraftprotz Adolf Hammer geheiratet, damit ihre Eltern verraten und sich von den eigenen Wurzeln abgeschnitten hat. In Appelfelds jüngstem, gerade auf Deutsch erschienenem Roman Elternland ist dieser Verrat nun Teil eines größeren Themas: des verständnislosen Blicks der Schoah-Nachgeborenen auf ihre Eltern. Jakob Fein hat das Stoffgeschäft des Vaters in Tel Aviv in einen gutgehenden Damenbekleidungsladen umgewandelt und geht im Arbeitsleben auf – bis es ihn nach Schidowze treibt. In diesem polnischen Dorf, aus dem seine Vorfahren stammen, waren die Juden in der Synagoge zusammengetrieben und verbrannt worden. Jakobs Eltern hatten mit einem Nachbarsmädchen in den Wäldern überlebt, von den Bauern aus dem Ort eher sabotiert als unterstützt. Als er klein war, hatte Jakob Fein nicht genug von diesen Geschichten hören können. Dann wollte er sie plötzlich nicht mehr: "Ihr Leben war ihm damals wie ein vereister See vorgekommen, in dem sich dunkle Geheimnisse verbargen, und diese Geheimnisse hatten ihn nicht interessiert. Er war überzeugt gewesen, dass auch dort, wo sie herkamen, alles erstarrt und leblos war."

Dass die Erinnerung, aus der sich sein Werk speist, die eines Kindes ist, ist für Appelfeld von entscheidender Bedeutung. "Meine Erinnerungen sind nicht logisch, sie sind gebunden an Gefühl, Geruch, Geschmack", und als solches ein "Reservoir, das nie leer wird, sich ständig erneuert". Das lebenslang sprudelt, wie er in Geschichte eines Lebens sagt. "Immer wenn es regnet, wenn es kalt wird oder stürmt, kehre ich ins Ghetto zurück, ins Lager oder in die Wälder. (…) Die Erinnerung hat im Körper anscheinend lange Wurzeln. Manchmal genügt der Geruch von gammeligem Stroh oder ein Vogelschrei, um mich weit weg und tief in mich hineinzuschleudern."

Ist Aharon Appelfeld nun in Israel zur Ruhe gekommen? Die Anfangszeit der späten 1940er und frühen 1950er Jahre erlebte er als "Jahre der Vielrederei", voller Ideologie und Anpassungsdruck. Nicht genug, dass Erwin zu Aharon wurde; eigentlich hätte er ein "neuer" Jude werden sollen. Voll von zionistischem Aufbruchsgeist und bereit, die Vergangenheit vergangen sein zu lassen. Aber: "Ich bin der alte Jude."

"Ich bin der alte Jude"

Oder wie es in Geschichte eines Lebens heißt: "In den späten fünfziger Jahren gab ich meinen Wunsch auf, ein israelischer Schriftsteller zu werden. Stattdessen bemühte ich mich, das zu sein, was ich war – ein Emigrant, ein Flüchtling, ein Mensch, der das Kind der Kriegsjahre in sich trug, dem das Reden schwer fiel und der mit einem Minimum von Wörtern auskommen wollte."

In Elternland nun schaut Appelfeld diese Sprachlosigkeit der Überlebenden aus Sicht der Nachgeborenen an. Er beschreibt sie als eine Art von Stille, die über das Schweigen hinausgeht: Als ginge die ganze Person auf Zehenspitzen durchs Leben, nicht wirklich anwesend im Hier und Jetzt, sondern woanders hinhorchend. Was dem jungen Jakob an den Eltern als ärgerliche Passivität erschienen war, erschließt sich ihm in Schidowze als unermessbare Weite. "Erst nach ihrem Tod begriff er, dass ihre Welt letztendlich größer gewesen war als seine." In Schidowze trifft er auf Magda, die seine Eltern gekannt und geliebt hatte und ihm dieses "Elternland" nun erzählend und wiederum liebend zurückgibt.

Appelfeld selbst stammt aus einem assimilierten Elternhaus und war umgeben von Verwandten, die ihr Judentum ablehnten und konvertieren wollten – und musste erst "viel mehr Jude" werden, als es die eigene Familie war. In Geschichte eines Lebens gibt es die bewegende Passage, wo der junge Erwin im Durchgangslager und in Erwartung des Schiffes nach Palästina von einem jüdischen "Gottesmann" das Beten lernen will. Mit sturer Hartnäckigkeit ignoriert er die Ohrfeigen, die sein Lehrer ihm bei jedem Fehler verpasst. "Ich spürte, dass ich ein Jude werden wollte. Wieso werden? Ich war ein Jude, aber ohne die jüdische Bagage, ohne den Rucksack mit Büchern auf den Schultern! Meine Bildung, das war ein Schuljahr."

Aharon Appelfeld lacht. "Wenn ein Jude betet, wenn er lernt – wunderschön! Ich will auch beten, ich will auch lernen." Religiös im Buchsinne des Wortes ist er nicht geworden – aber man könnte die jüdische Erfahrung, die er seit mehr als 50 Jahren tagtäglich durchknetet wie einen Teig, die er fortschreibt von Buch zu Buch, wohl als eigene, von ihm entwickelte Form des Gebets sehen: Meditationen über "hundert Jahre jüdische Einsamkeit", wie er selbst sagt. "Ich nenne es eine jüdische Saga, in der ich den vielen Stereotypen, die es über Juden gibt, die komplizierte Wirklichkeit entgegenhalte. Judentum ist nicht nur Lager und Ghetto, es ist eine komplizierte Zivilisation, und ich bin ein komplizierter Teil davon."

Grauen – das Wissen von Gewalt – ist der Grundton dieser Saga; ebenso konsequent aber ziehen sich Beispiele extremer Humanität durch Appelfelds Romane. Einzelne Porträts als sorgsame, fast schon zärtliche Hommage an jene, die diese Option des Menschseins leben. "Ein Trauma erlebt zu haben kann vernichten, kann aber auch erheben. Du hast alle Schwächen gesehen und verstehst, dass du nur ein Mensch bist. Und dass man wählen kann, ein Mensch oder ein Tier zu sein. Ich wollte auch nicht immer ein Opfer bleiben. Dann bleibt dir die Welt ja permanent etwas schuldig."

Und was ist mit dem Israel von heute? "Wo wird die nächste Bombe explodieren? Es kann hier im Kaffeehaus sein. Man will uns Juden nicht als Nachbarn haben. Gefühlsmäßig ist das wie früher." Die Sicherheit, für die Israel einmal stehen sollte, spürt Appelfeld als zerbrechliche Größe. "Wir sind knapp sechs Millionen Israelis inmitten von 250 Millionen Arabern. Israel ist auch ein Ghetto – ein bewaffnetes Ghetto." Für Aharon Appelfeld ist der Nahostkonflikt vor allem Ausdruck des "jüdischen Schicksals: immer verfolgt zu werden".

"Ich bin der alte Jude"

Irgendwann stellt sich heraus: Blanka, das Opfer, ist auch Blanka, die Täterin. Was ist, wenn ein Opfer zurückschlägt, weil es bis weit jenseits der Schmerzgrenze misshandelt worden ist; weil es sich selbst das Zurechtrücken der Verhältnisse schuldig ist? Blanka, zuerst Opfer von Adolfs Gewalt, wird zum Opfer des Gesetzes. Dass sie trotzdem in der seelischen Rückkehr zu den Eltern und den jüdischen Wurzeln ihre Würde und ihren ganz persönlichen Frieden wiederfindet, ist allenfalls ein schwacher Trost, ein schrecklicher auch – macht es doch die tieftraurige Aussage über die unabänderlich gewalttätige Verfasstheit der Welt, als die man Bis der Tag anbricht wohl lesen muss, erst vollends deutlich.

In Elternland – dem ersten von Appelfelds ins Deutsche übertragenen Romanen, der auch in Israel spielt – ist militärische Wehrhaftigkeit als selbstverständlicher Aspekt israelischer Identität anwesend. Als Jakob bei den meisten Bauern von Schidowze auf die Haltung misstrauischer Feindseligkeit trifft, die schon seine jüdischen Vorfahren erfuhren, findet er seine Antwort darauf in der Bildersprache von Kampf und soldatischer Gemeinschaft. Zu Recht, sagt das Buch. Denn als Jakob Bruchstücke jüdischer Grabsteine im Straßenpflaster des Dorfes entdeckt und den Wunsch äußert, diese nach Israel mitzunehmen, erkennt er keinen Respekt. Mit einer militärischen Einheit anrücken und die Steine nehmen – so heißt die Lösung in Jakobs Traum, denn Nacht für Nacht sind es auf Jakobs Reise die Träume, die das Tagesgeschehen kommentieren und komplettieren. Sie erscheinen als unverzichtbarer Teil des kathartischen Prozesses, den Jakob erlebt – der ihm in schönem Paradox zwar ein Stück des verlorenen oder vergrabenen Selbst zurückgibt, ihn aber zugleich erst wirklich heimatlos macht.

Zu Hause also. Am Eingang zu seinem Arbeitszimmer, noch erkennbar als inzwischen mit bunten Blumen bewachsene Garageneinfahrt, wartet Aharon Appelfeld. "Meine Höhle", weist er nicht ohne Stolz in die Runde; hier sind Regale voller Bücher, Diplome und Ehrendoktoren-Urkunden an den Wänden, ein paar Kisten, Kinderspielzeug, ein großer Schreibtisch mit viel Papier und einer Schreibmaschine. Auch hier: weder Mode noch Moderne. Ein Ort, dem lange Jahre beharrlicher Nutzung die Patina von Wärme verliehen haben.

Eine kleine Wendeltreppe führt nach oben, dort wartet Judith Appelfeld mit dem Essen. Die großäugige neunjährige Enkelin Michal schmiegt sich an die Großeltern. In Michals Namen, erzählen diese, sei die Erinnerung an Aharons Vater Michael aufbewahrt – den Aharon 1960 wiederfand, 20 Jahre nachdem sie einander im Lager verloren hatten. Michael Appelfeld hatte in die Rote Armee eintreten und in Russland bleiben müssen. Bis zu seinem Tod in den siebziger Jahren lebte er hier in dem Haus in Mevasseret Zion.

Irgendwo in diesen hellen Augen wohnt auch ein Schalk. "Ich habe ein bisschen besser Deutsch gelernt in diesen Tagen", sagt Aharon Appelfeld zum Abschied. "Deutsch war meine Muttersprache, dann ist es meine Stiefmuttersprache geworden." Aber wenn er von seiner Mutter träume, dann sei das immer auf Deutsch.

Die Träume. Zeigen sie nicht am besten, dass gar nichts hinter uns liegt, sondern alles in uns? "Als ich in den Wäldern war, als Kind, habe ich immer geträumt, dass meine Eltern kommen und mich abholen. Das ist 60 Jahre her. Aber der Traum kommt bis heute immer wieder – sie kommen und holen mich ab."

"Ich bin der alte Jude"

Aharon Appelfeld: Bis der Tag anbricht

Roman; 2006; 255 S., 17,90 €

Elternland

Roman; 2007; 263 S., 17,90 €

Beide aus dem Hebräischen von Anne Birkenhauer, Verlag Rowohlt Berlin