Wenn im südlichen Schwarzwald jemand etwas besonders gut kann, dann raunen die Leute, die hier sonntags noch die Kirchen füllen, er mache es wie der Herrgott. "Der Hansi hat g’spielt wie en Herrgott", haben sie immer über Hans-Jürgen Klohs gesagt. Zahllose Rollen hat er gespielt; hat auf der Freilichtbühne den Dichter gegeben oder den Butler aus Dinner for One auf den knarrenden Brettern im Gemeindesaal. 150 Auftritte. Immer die Hauptrolle, immer die meisten Lacher, immer der kräftigste Applaus. "Allein Hans-Jürgen Klohs war das Eintrittsgeld wert", schrieb die Lokalzeitung. Und nun steht er gedankenverloren im örtlichen Laden und streicht sorgsam einen zerknitterten Zettel glatt. "Zwei schöne Putenschnitzel" steht darauf, in der runden Schrift seiner Frau Eleonore. Er schiebt den Einkaufswagen, liest, geht ein paar Schritte, liest, steht vor der Fleischtheke, stutzt – und dann liest Hans-Jürgen Klohs, 54, zwei Kinder, ehemals tätig als Inventory Manager in der chemischen Industrie, Englisch und Französisch fließend: "Zwei schöne Putenschnitzel, bitte."

Die Frau hinter der Theke lächelt. Sie weiß Bescheid. Wie alle gleich Bescheid wussten im 800-Einwohner-Dorf, das kein Wirtshaus, aber lauter Einfamilienhäuser hat. Die kann man jedoch fast nicht sehen, weil an den Grundstücksgrenzen hohe Hecken wachsen. In den Tagen danach haben es sich die alten Frauen und die Leute vom Theater erzählt: Hast du’s gehört? Der Hansi! Gehirnblutung! Wie sein Bruder! Nach Basel haben sie ihn geflogen. Intensivstation. Die Ärzte sagen, vielleicht wird er blind sein oder gelähmt oder nicht mehr wissen, wer er ist, wahrscheinlich Gedächtnisverlust!

Einmal hat Hans-Jürgen Klohs seine Frau einfach in der Stadt vergessen

Sieben Jahre ist das jetzt her. Klohs sieht und geht, er kennt seine Vergangenheit – doch die Gegenwart ist so undurchsichtig wie der Nebel, der an diesem verregneten Morgen in den Tannenwipfeln hängt. Anterograde Amnesie, Kurzzeitgedächtnisverlust wegen eines rupturierten Aneurysmas, einer aufgeplatzten Blutblase, lautet die Diagnose (siehe Kasten). Wie oft sie in Deutschland gestellt wird, ist unbekannt. Es gibt keine Zahlen, keine Selbsthilfegruppen, keine neurologische Klinik, die sich speziell ihrer annimmt. Das Gehirn kann bei dieser Art von Gedächtnisverlust neue Informationen und Erlebnisse nur kurzfristig speichern. Wenn etwas im Kopf bleiben soll, dann muss es ständig wiederholt werden. Neurologen gehen davon aus, dass nach vier bis fünf Jahren andere Gehirnregionen die Funktion des Kurzzeitgedächtnisses übernehmen können. In manchen Fällen geschieht das allerdings nie.

Klohs kann sich heute noch keine neuen Namen merken. Er weiß nicht, was er einkaufen soll, was er vor zehn Minuten gesagt hat, welcher Tag ist. Er weiß zwar wegen der sich ständig wiederholenden Fernsehbilder, dass Flugzeuge in das World Trade Center gekracht sind, aber nicht, wer dahinter steckt. Und wenn man ihn nach dem aktuellen Bundeskanzler fragt, dann fragt er mit großen Augen zurück: "Schmidt?" Einmal hat er seine Frau in der Stadt vergessen, ist einfach ohne sie heimgefahren, und Eleonore Klohs stand mit vollen Einkaufstüten vor dem Supermarkt. Manchmal weiß er auch nicht mehr, wo er geparkt hat, dann rennt er herum, drückt hektisch auf den Autoschlüssel und wartet darauf, dass irgendwo Rücklichter aufflackern. Deshalb schickt ihn Eleonore immer in denselben Laden; den steuern sie seit Jahrzehnten an, der Parkplatz ist klein, und die Regale werden nicht umgeräumt.

Auf der Heimfahrt beginnt Klohs zu singen: "Wieeeener Blut! Wiener Blut! Dadadi, dadadi…!" Seit er damals aus der Rehabilitationsklinik entlassen wurde, macht er beim Gesangverein "Liederkranz" mit, ist stellvertretender Vereinswirt und erster Bass. Eleonore singt Sopran. "Wir singen die Texte immer vom Blatt, wenn wir sie auswendig lernen müssten, hätten wir noch weniger Mitglieder." Ein paar Männer aus dem Verein wohnen in der Nachbarschaft.