Wie viele Menschen eine Amnesie, eine schwere Gedächtnisstörung, haben, ist unklar. Der Bielefelder Hirnforscher Hans Markowitsch schätzt, dass rund 10000 Deutsche betroffen sind. Wenn sie sich nicht mehr an Vergangenes erinnern, also früher erworbene Informationen aus dem Gedächtnis nicht mehr abrufen können, sprechen Neurologen von einer retrograden, einer rückwirkenden Amnesie. Häufiger ist die anterograde, die vorwärtswirkende Amnesie. Die Betroffenen wissen zwar noch, was war und wer sie sind, können sich aber nichts Neues merken .

In extremen Fällen vergessen sie innerhalb von Minuten oder Sekunden, was sie gerade getan haben. Ihr Leben hat deshalb die Dauer eines Augenblicks, und sie sind sich ihres Gedächtnisverlustes nicht bewusst. Die meisten Amnesiekranken wissen aber, dass Informationen nicht mehr von ihrem Kurzzeit- in ihr Langzeitgedächtnis übertragen werden. Vor allem das episodische Gedächtnis ist betroffen. Was geschah heute wann, wo und wie? Hatte es Folgen? Menschen mit anterograder Amnesie können diese Fragen nicht beantworten. Zudem ist das vorausschauende Denken gestört, und auch an ihre Absichten können sich Kranke nicht erinnern.

Amnesien haben viele Ursachen. Psychische, etwa Schocks, sind selten, meist sind sie organisch bedingt: langjähriger Alkoholmissbrauch, Epilepsie, Hirntumore, Schädelhirntraumen, aber auch Schlaganfälle oder Hirnblutungen, die durch geplatzte Aneurysmen ausgelöst werden. Aneurysmen sind mit Blut gefüllte Ausbuchtungen. Sie entstehen an Stellen, an denen die Wände von Arterien, vermutlich durch eine angeborene Schwäche, dünn sind. Unter ständigem Druck füllt sich die Ausbuchtung mit Blut, bis sie zerreißt. Sehr häufig werden anterograde Amnesien durch geplatzte Aneurysmen der Arterie communicans anterior ausgelöst, die zwischen den basalen Bereichen des Stirnhirns verläuft. »Kommt es dort zu einer Blutung, werden oft eine oder mehrere Verbindungen vom Stirnhirn zu den Schläfenlappen gekappt«, sagt Markowitsch. In den Schläfenlappen sitzt der Hippocampus, der zusammen mit dem vor ihm liegenden Mandelkern die Verarbeitung von Emotion und faktischen Information synchronisiert. Mit der Zeit kann sich das Gehirn reorganisieren. In welchem Umfang, hängt vom Einzelfall ab. Auch die Grundintelligenz, Motivation und der Leistungswille spielen eine Rolle. CHB