Ich wollte immer mal darüber schreiben, wie eine Mode entsteht. Irgendwie muss es ja losgehen, ähnlich wie die Lawine, die mit einem Schneekügelchen anfängt, welches sich am Berg gelöst hat, oder wie Aids, wo man tatsächlich den ersten Überträger identifiziert haben will, diesen kanadischen Steward. Genauso hat womöglich an einem bestimmten Tag eine bestimmte Person damit begonnen, das Yogatum oder das Wörtlein "geil" zu verbreiten, oder die jeweilige Mode ist zeitgleich an verschiedenen Orten aufgeflammt, das könnte man dann differenziert beschreiben und sozial analysieren und würde dafür garantiert einen Journalistenpreis kriegen, denn that’s the way it goes. Ich habe bloß keine Zeit dazu.

Zurzeit ist Indien modern. Alle fahren nach Indien. Vor zehn Jahren war Indien auch schon Indien. Das Land Indien ist sicher seit Jahrzehnten in vorbildlicher Weise indisch gewesen, mit Elefanten, Lotussitz und allem, aber vor zehn Jahren sind halt nur Verhaltensextremisten dahin gefahren. Jetzt ist Indien auf einmal der Ballermann von Berlin-Mitte. Nach Indien zu fahren, das ist, als ob man zum Italiener eine Nudel essen geht, als ob man gegen Bush ist oder gegen Umweltverschmutzung. In der Welt von heute ist es praktisch unmöglich geworden, nicht nach Indien zu fahren oder Kette zu rauchen. Wenn dich schöne, junge Menschen zu einer Party einladen und du schickst als E-Mail den Satz "Ich komme gern, aber nach Indien kriegen mich keine zehn Pferde", dann laden sie dich wieder aus. Alle sagen: "Inder sind wahnsinnig schöne Menschen", aber ich kann überhaupt nicht erkennen, was an den Indern schöner sein soll als an den Pakistanern oder den Schweden. Es wächst doch auf Gottes Erde Schönheit überall, außer vielleicht bei den Engländern. Außerdem gibt es auch wahnsinnig fette, hässliche Inder mit Warzen, Sabber und Mundgeruch, aber wer das auch nur andeutet, macht sich zum Outcast.

Das indische Essen. Der indische Tanz. Indisches Denken. Indischer Sex. Indische Filme. Alles supergeil und spirituell. Wenn ich auf dem Flughafen eine lange Schlange von Armani-, Prada- und Gucci-Gestalten sehe, brauche ich gar nicht erst zu gucken, wohin der Flieger geht. Heißt Neu-Delhi noch Neu-Delhi, oder haben sie es schon in "Neu-Dolce-und-Gabbana" umbenannt?

Das Irre bei der Mode ist, dass alle das Gleiche machen, aber jeder in dem Bewusstsein, etwas Neues, Besonderes zu tun. Wenn eine Mode wirklich "exklusiv", "neu" oder originell wäre, dann würden ihr aber nur sehr wenige folgen, das heißt, es wäre gar keine Mode. In Wirklichkeit gibt es also so etwas wie "Mode" überhaupt nicht, es gibt lediglich die Wahnvorstellung, etwas Besonderes zu kaufen oder zu tun, bis einem eines Tages schlagartig klar wird, dass man irgendwo am Strand sitzt und alle Leute rundherum einem bekannt vorkommen. Die einzige Methode, dem Versprechen der Mode (ein besonderer Mensch zu sein) nahezukommen, besteht darin, die Mode zu ignorieren. Dies tut in Deutschland bekanntlich nur einer. Ich fahre nach Griechenland.

Lebenszeichen 2007: Harald Martenstein denkt über den aktuellen Zustand nach - chronologisch archiviert "